Krieg in Syrien Regierung soll Fassbomben über Ost-Ghuta abgeworfen haben

  • Bei Luft- und Artillerieangriffen der syrischen Regierung wurden in Ost-Ghouta innerhalb von 72 Stunden bis zu 300 Menschen getötet.
  • In Afrîn haben die kurdischen Kämpfer bekannt gegeben, sie hätten einen Deal mit der Regierung in Damaskus geschlossen, um ihre Kräfte gegen die türkische Armee zu bündeln.
  • Vereinte Nationen und Bundesregierung fordern ein Ende der Gewalt gegen Zivilisten.

Syrien versinkt immer mehr im Chaos des Krieges. An zwei Fronten eskalieren die Konflikte. Im Norden des Landes bombardierte die türkische Armee am Dienstag die Region Afrîn. Zuvor waren dort syrische Regierungskräfte zur Unterstützung kurdischer Truppen eingerückt. Regierungstreue Truppen setzen ihre schweren Angriffe auf Ost-Ghouta fort.

Nach einer kurzen Kampfpause in der Nacht habe der Beschuss mit Raketen und die Bombardierung des Gebiets im Umland der Hauptstadt Damaskus am Morgen wieder zugenommen, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London mit. Dabei seien aus Hubschraubern auch Fassbomben abgeworfen worden. Fassbomben sind wegen ihrer verheerenden Sprengkraft und Splitterwirkung weltweit geächtet.

Die Beobachtungsstelle und die Ersthelferorganisation Weißhelme melden bis zu 300 Tote - innerhalb von drei Tagen. Hunderte weitere seien verletzt. Syrien seinerseits meldete Beschuss aus dem Rebellengebiet.

Der Bürgerkrieg in Syrien hatte im März 2011 mit Protesten gegen die autoritäre Regierung von Machthaber Baschar al-Assad begonnen. Die Region Ost-Ghouta gehört zu den letzten Gebieten, die noch unter Kontrolle von Rebellen stehen. Dominiert werden sie von islamistischen Milizen.

Ost-Ghouta ist seit Monaten von Regierungstruppen eingeschlossen. Rund 400 000 Menschen sind dort fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Helfer berichten von einer dramatischen humanitären Lage. Über Wochen durften keine Hilfslieferungen in das Gebiet. Das habe zu einem schlimmen Mangel an Nahrungsmitteln geführt, sagte der regionale UN-Nothilfekoordinator, Panos Moumtzis. "Die humanitäre Lage der Zivilisten in Ost-Ghouta ist dabei, außer Kontrolle zu geraten." Ein Einwohner von Ost-Ghouta sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Wir warten nur darauf, bis wir an der Reihe sind zu sterben."

UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich "zutiefst beunruhigt". Die Weißhelme teilten auf ihrem Twitter-Account verstörende Szenen aus der zerbombten Stadt. Sie schrieben, die Angriffe dauerten an. "Erst hungern sie die Kinder aus, dann bombardieren sie sie", ist der verzweifelte Kommentar.

In Afrîn wächst die Sorge vor einer Eskalation zwischen Türkei und Syrien

Die Bundesregierung hat Russland und Iran aufgefordert, die syrische Regierung bei ihren Angriffen auf Rebellen und Zivilisten zu bremsen. "Man muss sich fragen: Wo sind Russland, wo ist Iran", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin. Ohne diese Länder wäre Machthaber Assad militärisch gar nicht da, wo er sei. Ohne die Unterstützung hätte er auch mehr Verhandlungsbereitschaft zeigen müssen. Assad führe keinen Kampf gegen Terroristen, sondern einen Feldzug gegen die eigene Bevölkerung.

Besorgt zeigte sich die Bundesregierung auch über die Angriffe der Türkei in Nordsyrien gegen die Kurdenmiliz YPG. "Wir fordern die Türkei auf, zu einer Deeskalation beizutragen", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes an die Adresse des Nato-Partners.

In der von Kurden kontrollierten Region um Afrîn wächst mit der Konfrontation die Sorge vor einer größeren Eskalation zwischen der Türkei und Syrien. Am Mittwoch fliegt die türkische Luftwaffe nach Angaben der Kurdenmiliz in der Region Angriffe.

Ein Vertreter der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und ein Kommandeur der nach Afrîn eingerückten regierungstreuen Milizen wiesen türkische Darstellungen zurück, sie seien nach Angriffen der Türkei und ihrer verbündeten syrischen Rebellen auf dem Rückzug. Vielmehr habe man das Feuer gegen die von der Türkei unterstützten Rebellen erwidert.

Die YPG gelten in Ankara als Ableger der PKK und werden bekämpft. Die Kurdische Arbeiterpartei ist in der Türkei verboten und als terroristisch eingestuft, ebenso wie in der EU und den USA. Die YPG bestreiten die Vorwürfe und erklären, sie seien eigenständig.

Am Montag hatten die kurdischen Kämpfer bekanntgegeben, sie hätten einen Deal mit der Regierung in Damaskus geschlossen, um ihre Kräfte gegen Ankara zu bündeln. Am Dienstag rückten syrische Regierungskräfte ein.

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