Krieg in Libyen Gaddafis Wüsten-Bastion vor friedlicher Übernahme

Eine letzte Schlacht schien unvermeidlich. Doch nun zeigen sich die libyschen Rebellen wieder optimistisch, die Wüstenstadt Bani Walid, eine der letzten Bastionen der Gaddafi-Anhänger, friedlich übernehmen zu können. Die Verhandlungen laufen, eine Einigung der Kriegsparteien steht angeblich kurz bevor. Wo sich Gaddafi versteckt, ist weiter unklar. Im Niger wurde ein großer Konvoi seiner Truppen gesichtet - offenbar mit Ziel Burkina Faso, das dem Despoten Asyl angeboten hat.

Die Aufständischen in Libyen erwarten nun doch eine friedliche Übernahme der Wüstenstadt Bani Walid. Das berichtet der arabische Nachrichtensender al-Dschasira unter Berufung auf einen Unterhändler der Rebellen. In Verhandlungen mit Anhängern des früheren Machthabers Muammar al-Gaddafi sei eine grundsätzliche Einigung erzielt worden. Demnach könnten Rebellenkämpfer in die Stadt einrücken, ohne dass Widerstand geleistet werde. Die Einigung müsse aber noch endgültig bestätigt werden. Dann könnten die Aufständischen die Stadt noch am Dienstag unter ihre Kontrolle bringen.

Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, hatten die Rebellen den Gaddafi-treuen Kämpfern in Bani Walid eine Gnadenfrist zur Kapitulation bis Samstag eingeräumt. Um den Druck auf die Gaddafi-Loyalisten zu erhöhen, hatte der Übergangsrat Hunderte Kämpfer vor Bani Walid zusammengezogen. Die Stadt liegt rund 150 Kilometer südöstlich von Tripolis. Berichten zufolge sollen Gaddafis Söhne Saif al-Islam und Mutassim eine friedliche Lösung in Bani Walid verhindert haben, ehe sie vor ein paar Tagen aus der Stadt abgezogen seien.

Vertreter des Nationalen Übergangsrat des Landes hatten die Sorge um die Zivilisten in der Wüstenstadt geäußert. Verhandlungsführer Abdallah Kenschil sagte, in Gebäuden im Zentrum der Stadt sowie in mehreren angrenzenden Dörfern würden Zivilisten als Geiseln festgehalten. "Gaddafis Soldaten haben auch die Tore der Stadt geschlossen und lassen Familien nicht hinaus", sagte er. "Das beunruhigt uns, denn wir wollen bei einem Angriff keine Zivilisten töten."

Bewaffneter Konvoi im Niger gesichtet

Wo sich Gaddafi und seine Söhne aufhalten, ist weiter unklar. Die Rebellen vermuteten sie in Bani Walid und Sirte, der Geburtsstadt der Despoten. Neuen Berichten zufolge könnten sie mit einem Konvoi bewaffneter Truppen unterwegs sein, der die Grenze zum Nachbarland Niger passiert haben soll. Das berichten mehrere Nachrichtenagenturen unter Berufung auf Augenzeugen.

Demnach habe der Konvoi aus mehreren Dutzend Fahrzeugen bestanden. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet sogar von 200 bis 250 Fahrzeugen. Der Konvoi werde nach Angaben aus französischen und nigrischen Militärkreisen von der nigrischen Armee eskortiert.

Am Montagabend habe die Kolonne die Stadt Agadez im Norden des Landes erreicht, berichtet der arabische TV-Sender al-Arabija, der sich dabei auf den Eigentümer einer Lokalzeitung in Agadez beruft. Es gebe "anhaltende Gerüchte", dass sich Gaddafi oder einer seiner Söhne in einem der Fahrzeuge aufhalten könnte, hieß es.

Burkina Faso will Gaddafi aufnehmen

An der Spitze des Konvois fuhr den Angaben zufolge ein nigrischer Rebellenführer vom Stamm der Tuareg, Rissa ag Boula. Der frühere nigrische Tourismusminister hatte vor zehn Jahren einen Unabhängigkeitskrieg der Tuareg-Nomaden angeführt, ehe er in Libyen Zuflucht suchte. Ein Augenzeuge sagte, die Gaddafi-Truppen hätten zahlreiche Waffen bei sich gehabt. Der Konvoi habe Kurs auf die nigrische Hauptstadt Niamey genommen.

Französischen Militärkreisen zufolge sind die Truppen unterwegs nach Burkina Faso. Das Land hatte Gaddafi vor zwei Wochen Asyl angeboten. Außenminister Yipene Djibril Bassolet hatte erklärt, man würde den ehemaligen libyschen Despoten aufnehmen, auch wenn Burkina Faso zu den Unterzeichnerstaaten des Internationalen Strafgerichtshofs gehöre.

Ein Sprecher des libyschen Despoten allerdings widersprach den Spekulationen, wonach sich Gaddafi in dem Konvoi befinden könnte. Der ehemalige Machthaber sei weiterhin in Libyen. Der 69-Jährige sei "bester Gesundheit" und plane die Verteidigung des Landes. "Wir sind noch immer mächtig", sagte Mussa Ibrahim dem syrischen Sender Arrai.

Gaddafis Söhne erfüllten ebenfalls ihre "Rolle der Verteidigung und Aufopferung" für ihr Land, fügte Ibrahim hinzu, ohne die betreffenden Kinder Gaddafis konkret zu benennen. Der Kampf werde "bis zum Tod oder zum Sieg" fortgesetzt. "Wir werden kämpfen und Widerstand leisten, für Libyen und für alle Araber."

Die Nato nahm zu den Spekulationen über den Konvoi nicht Stellung. Die Verfolgung von Mitgliedern des früheren libyschen Regimes sei keine Aufgabe der Nato, sagte ein Nato-Militärsprecher am Dienstag in Neapel. "Unser Auftrag ist es, die Zivilbevölkerung in Libyen zu beschützen - nicht, Tausende von flüchtenden früheren Regimegrößen, Söldnern, Offizieren und innerhalb des Landes vertriebenen Personen zu verfolgen oder zum Ziel zu machen", sagte Militärsprecher Oberst Roland Lavoie auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa.

In den vergangenen beiden Wochen seien "zwei große Konvois, die sich einer Stadt näherten, zerstört worden, weil sie eine Gefahr darstellten". Die Leitung des Nato-Einsatzes spreche grundsätzlich nicht über Informationen durch Beobachtung und Aufklärung, sondern lediglich über die eigenen militärischen Aktionen.