Konflikt zwischen Israel und Iran Waffenbrüder gesucht

Israel schlägt die Kriegstrommeln: Das Land lässt keinen Zweifel daran, dass es notfalls auch alleine gegen Iran und sein Atomprogramm vorgehen will. Der Westen ist aber skeptisch gegenüber einem Militärschlag. Vor allem US-Präsident Obama kann vor der Wahl keine Eskalation gebrauchen - seine republikanischen Konkurrenten profilieren sich dagegen als Verbündete Jerusalems.

Von Peter Münch und Christian Wernicke

Allein gegen den Rest der Welt - für einen kleinen Staat mit nicht einmal acht Millionen Einwohnern ist das gemeinhin keine haltbare Position. Doch wenn es um einen möglichen Angriff auf Iran geht, dann lässt Israel derzeit keinen Zweifel daran aufkommen, dass es nötigenfalls auch im Alleingang und gegen den Widerstand selbst engster Freunde diese Aufgabe schultern will.

Die Kriegstrommeln werden jedenfalls in Jerusalem fast rund um die Uhr geschlagen. Die Welt soll aufgerüttelt werden angesichts der iranischen Atom-Bedrohung, und wer den israelischen Warnrufen nicht folgen will, gehört nach Jerusalemer Lesart entweder ins feindliche Lager, oder er hat den Ernst der Lage nicht verstanden - wie die Zauderer in Europa und in der Washingtoner Regierung.

Gewiss, es gibt noch viele Fragezeichen hinter den Analysen, ob Israels militärische Kraft tatsächlich ausreichen würde für einen Angriff auf Iran. Doch die höchst demonstrativ vorgetragene Entschlossenheit sorgt in der internationalen Arena auch deshalb für so großen Schrecken, weil sich dieser Konflikt zumindest in Teilen der politischen Ratio entzieht. Denn von der Regierung in Jerusalem wird das iranische Atomprogramm in eine direkte Verbindung zum Holocaust gesetzt.

In der Generalversammlung der Vereinten Nationen schwenkte Premierminister Benjamin Netanjahu schon vor zwei Jahren die Baupläne von Auschwitz, um vor den Nuklearanlagen des Mullah-Regimes zu warnen. Eine iranische Atombombe neben der bereits existierenden israelischen mag also im Westen notfalls akzeptiert werden, weil man sich dort an das stabile Gleichgewicht des Schreckens aus den Zeiten des Kalten Kriegs erinnert. In Israel aber wird das als existentielle Bedrohung gesehen, gegen die jedes Mittel recht sein könnte.

Allerdings gibt es auch in Israel zahlreiche Warner vor einem Militärschlag, und angeführt werden sie vom früheren Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad. Er hat einen Angriff auf die Atomanlagen als "die dümmste Idee" bezeichnet, von der er je gehört habe. Seine Sorge gilt dem Gegenschlag, der zu einem regionalen Krieg eskalieren könnte. Im Gegensatz zu den Politikern zeigt sich der Sicherheitsapparat insgesamt eher defensiv - und dies könnte dazu führen, dass die Jerusalemer Regierung doch vor einem Krieg zurückschreckt.

Taktisch geschicktes Kriegsgeschrei

Als zumindest taktisch geschickt aber darf das Kriegsgeschrei schon heute gelten, denn es sichert Israel große internationale Aufmerksamkeit. In anderen Zeiten könnte womöglich der Stillstand im Friedensprozess mit den Palästinensern, der nicht zuletzt durch die ungehemmte Siedlungsbau-Politik provoziert wird, zu breiter internationaler Isolation führen. Unter der Iran-Wolke aber ist die westliche Welt von Israels Wohlverhalten abhängig, weshalb sich der schwierige Freund vor allem in Washington wieder einer Vorzugsbehandlung erfreuen darf. Erst kürzlich wurde Verteidigungsminister Ehud Barak von Präsident Obama empfangen. Iran stand im Mittelpunkt, doch nichts drang nach außen darüber, ob es Streit gab oder Einigkeit.

In den USA wird der Obama-Regierung von konservativen Kritikern längst vorgehalten, sie habe die Kontrolle über die "Causa Iran" verloren. Gemeint ist damit auch der US-Einfluss auf Israel: Anders als zu Zeiten von George W. Bush weigere sich die Regierung in Tel Aviv, der Weltmacht vor einem eventuellen Militärschlag eine Art Vetorecht einzuräumen. Dazu sei "das Verhältnis zwischen Premier Netanjahu und Barack Obama zu zerrüttet", erzählen Skeptiker mit besten Drähten nach Jerusalem.

Obama will, elf Monate vor Amerikas Wahltag, keine Eskalation im Nahen und Mittleren Osten. Bomben auf Irans Atombunker wären das dramatische Eingeständnis, dass seine steten Angebote zum Dialog mit dem Regime in Teheran, die bislang ohne jegliches Echo blieben, gescheitert sind. Der kalte Realismus, mit dem der US-Präsident 2009 auf die blutige Unterdrückung der Opposition nach den gefälschten Präsidentschaftswahlen reagiert hatte, hat sich nie ausgezahlt.