Konflikt mit den USA So weit fliegen Nordkoreas Raketen

Ständig droht Kim Jong-un damit, die USA anzugreifen. Aber taugen seine Waffen überhaupt dazu? Die Fakten.

Von Christian Endt

Über viele Jahre war es nur eine Drohung. Inzwischen gehen die meisten Fachleute davon aus, dass Nordkorea sein großes Ziel erreicht hat: Offenbar verfügt das Land inzwischen über Raketen, die das amerikanische Festland erreichen können. Von der Fähigkeit, Atomwaffen auf Los Angeles oder Chicago zu feuern, ist Kim Jong-Un trotzdem noch einige Schritte entfernt.

Angesichts der neuen verbalen Drohungen stellen sich aber die Fragen: Was ist an der nordkoreanischen Bedrohung nur Propaganda? Und was lässt sich tatsächlich mit den vorliegenden Erkenntnissen nachvollziehen?

Fakt ist: Am 28. Juli 2017 hat die Bedrohung eine neue Stufe erreicht. An jenem Tag gelang dem Regime in Pjöngjang erstmals der Test einer Interkontinentalrakete vom Typ KN-20, die rechnerisch nicht nur Alaska oder Hawaii, sondern den Kern des US-amerikanischen Festlands erreichen kann.

Wie schon beim vorherigen Test am 3. Juli und bei anderen Tests zuvor, schossen die Nordkoreaner die Rakete in einem extrem steilen Winkel ab. Dadurch landete sie nur etwa 1000 Kilometer vom Abschussort entfernt im Japanischen Meer. Amerikanischen, südkoreanischen und japanischen Quellen zufolge flog die Rakete etwa 47 Minuten lang und erreichte eine maximale Flughöhe von 3700 Kilometern. Zum Vergleich: Die Internationale Raumstation ISS kreist in etwa 400 Kilometern Höhe über die Erde.

Hätte Nordkorea die Rakete vom Typ KN-20 in einem flacheren Winkel abgeschossen, wäre der Flugkörper nach Berechnungen des Physikers David Wright etwa 10 000 Kilometer weit geflogen. Ein solcher Erfolg ist dem Regime in Pjöngjang vorher nie gelungen, und Beobachter hatten zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht damit gerechnet.

Bis nach Alaska sind es 5500 Kilometer, nach Hawaii 7000

Mit dieser Reichweite wäre Nordkorea erstmals in der Lage, das Kernland der Vereinigten Staaten zu erreichen. Bis Seattle sind es etwas mehr als 8000 Kilometer, nach Los Angeles 9600 Kilometer und nach Chicago 10 400 Kilometer. Da die USA von Nordkorea aus im Osten liegen, bekommt Kim Jong-Un außerdem Unterstützung durch die Gesetze der Physik: Während des Flugs dreht sich die Erde der Rakete entgegen. Wie Wright auf seinem Blog schreibt, wäre möglicherweise sogar New York in Reichweite der KN-20.

Robert Schmucker, emeritierter Professor für Raketentechnik an der Technischen Universität München, weist allerdings darauf hin, dass ein einzelner erfolgreicher Test keine allzu große Aussagekraft habe. Viel schwieriger sei es, einen Raketentyp in Serie zu produzieren, so dass er zuverlässig und präzise sein Ziel erreicht. "Man muss nicht nur schießen, man muss auch treffen", sagt Schmucker. "Bei einer Strecke von 10 000 Kilometern schießt man leicht hundert Kilometer daneben."

Ein weiteres Fragezeichen steht hinter den nuklearen Kräften Nordkoreas. Die bisher getesten Raketen waren nicht mit Atomsprengköpfen bestückt. Zwar besitzt Nordkorea solche Waffen nach eigenen Angaben, und auch unabhängige Forscher gehen von zumindest einer Handvoll nuklearer Sprengköpfe aus. Doch um sie an ihr Ziel zu bringen, müsste das Land die Raketen so konstruieren, dass die Atomsprengköpfe heil ans Ziel gebracht werden und dort zuverlässig funktionieren. Besonders bei Interkontinentalraketen ist das schwierig, da sie beim Wiedereintritt in die Atmosphäre starker Hitze ausgesetzt sind. Videoaufnahmen zeigen, dass die jüngst getestete Rakete diesen kritischen Moment nicht unbeschadet überstanden hat.

Außerdem sinkt die Reichweite einer Rakete mit dem Gewicht. Die zitierten 10 000 Kilometer beziehen sich Schätzungen zufolge auf nur etwa 400 Kilogramm. Einen derart leichten Nuklearsprengkopf zu konstruieren ist schwierig. Bei einer Nutzlast von einer Tonne sinkt die Reichweite des gleichen Typs auf etwa 5000 Kilometer, wie Schmucker und der Raumfahrtingenieur John Schilling errechnet haben.

Schmucker glaubt, dass nicht nur Nordkorea, sondern auch die US-Regierung die Gefahr übertrieben groß darstellen. "Die Angst vor Nordkorea rechtfertigt die Präsenz der amerikanischen Streitkräfte in Japan und Südkorea", sagt er. Schmucker hat Aufnahmen analysiert, die Nordkoreas Propagandamedien von den Raketentests veröffentlichen. Häufig fand er dabei physikalische Ungereimtheiten, die auf eine Manipulation der Bilder hinweisen.

Schmucker glaubt nicht an die große nordkoreanische Bedrohung: "Praktisch alles ist Show", sagt er. Fast alles, was Nordkorea bisher vorgeführt habe, stamme aus alten russischen und chinesischen Beständen. Von der Entwicklung und Produktion einer eigenen Interkontinentalrakete sei das Regime noch weit entfernt.

Was auch Schmucker nicht in Zweifel stellt, ist, dass Nordkorea über ein Arsenal aus Kurz- und Mittelstreckenraketen verfügt. Darunter fallen alle Flugkörper mit einer Reichweite von maximal 3500 Kilometern. Bereits in den 1960er Jahren begann Nordkorea mit entsprechenden Tests, damals noch unter Staatgründer Kim Il-sung, dem Großvater des heutigen Diktators. Bis heute hat das Regime 108 Raketentests durchgeführt, drei Viertel davon waren erfolgreich. Das zeigt eine Datenbank des amerikanischen Middlebury College.

Auch mit diesen Raketen kann Nordkorea großen Schaden anrichten. Mit ihnen ließen sich zwar nicht die USA, aber in jedem Fall Erzfeind Südkorea und Japan angreifen.

Datenquellen: James Martin Center for Nonproliferation Studies, Union of Concerned Scientists, Johns Hopkins University, Schmucker Consulting, SZ-Recherchen.

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