Kirche und Missbrauch Ultimatum für Aufrichtigkeit

Die Kirche ist kein Verein von Sexualverbrechern. Bischof Zollitsch sollte nicht der Justizministerin ein Ultimatum stellen, sondern der Kirche selbst.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Ein Ultimatum ist die schärfste Forderung, die es in der politischen Strategie gibt; es ist das letzte Mittel der Diplomatie; früher ging es einer Kriegserklärung voraus.

Wenn ein Bischof - nicht irgendeiner, sondern der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz - der Bundesjustizministerin ein Ultimatum stellt, so ist das ein spektakulärer Vorgang.

Er ist spektakulärer als die Alkoholfahrt der evangelischen Bischöfin Käßmann; die Trunkenheit ist das Problem einer einzelnen charismatischen Person und ihrer Glaubwürdigkeit. Beim Streit zwischen Erzbischof Zollitsch und der Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger geht es um die Probleme einer gewaltigen Institution, der größten und geschichtsträchtigsten in Deutschland - und um die Art und Weise, wie die Ministerin darauf reagiert hat.

Sie hat der katholischen Kirche vorgeworfen, die Fälle des sexuellen Missbrauchs in ihren Reihen zu vertuschen und mit den staatlichen Strafverfolgungsbehörden nicht konstruktiv zusammenzuarbeiten. In diesem Vorwurf steckt Gift, nämlich der Vorwurf der Strafvereitelung. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz hat darauf noch giftiger reagiert: Er hat die Ministerin ultimativ aufgefordert, sich zu entschuldigen, und zwar binnen 24 Stunden.

Es blitzt und donnert zwischen Staat und Kirche

Urplötzlich also blitzt und donnert es im Verhältnis von Staat und Kirche, in einem Verhältnis, das in Deutschland sonst dem bequemen Trott der Tradition folgt; die ist geprägt von der im Grundgesetz vorgeschriebenen freundlichen Trennung von Kirche und Staat, welche in der Praxis aber eher einem gordischen Miteinander gleicht, über das (vom staatlichen Einzug der Kirchensteuer bis zur Staatsalimentation der Bischöfe) im politischen Betrieb ungern geredet wird.

Die Kirchen in Deutschland haben viele Privilegien; das Privilegium, außerhalb des weltlichen Rechts zu stehen und ihre Funktionäre stattdessen nach eigenem kirchlichen Recht beurteilen zu dürfen, haben sie aber nicht (mehr).

Richtig ist, dass der Staat sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Kirchen einmischen darf. Ebenso richtig ist aber auch, dass es sich bei Sexualdelikten nicht um innere Angelegenheiten handelt. Die Kirchen und ihre Angehörigen sind den staatlichen Strafgesetzen unterworfen. In dieser Hinsicht sind die Menschen nicht katholisch, nicht evangelisch, nicht muslimisch - sondern gleich.

Bis in die jüngere Zeit konnte man aber den Eindruck haben, dass die katholische Kirche der Zeit ihrer eigenen exklusiven Rechtsgewalt inbrünstig nachhängt: Immer wieder hat sie geistliche Sexualstraftäter in Klöstern oder, noch schlimmer, in uninformierten Pfarreien versteckt. Das ist vorbei, freilich noch nicht lange. Aber weil die Kirche sich neuerdings bemüht, sich den Problemen zu stellen, mag sie sich ihre alten Fehler von der Ministerin nicht mehr als neue Fehler vorhalten lassen. Das ist der Kern des Streits, der im Ultimatum gipfelte.

Ein Ausdruck hilfloser Empörung

Dieses katholische Ultimatum hat bei aller Empörung etwas Hilfloses, es ist ein Ausdruck hilfloser Empörung. Die Zeiten, in denen die Kirche mit Fluch und Bann beeindrucken und Politik machen konnte, sind eigentlich lang vorbei. Dass sich die Kirche ausgerechnet in einer Zeit, in der sie von Missbrauchsskandalen erschüttert wird, daran erinnert, erregt schon fast Mitleid.

Das Ultimatum befremdet viele, auch kirchennahe Menschen. Für Unruhe sorgt es allenfalls in der schwarz-gelben Koalition; denn die FDP, traditionsgemäß kirchenkritisch, schart sich um ihre liberale Ministerin; die CDU/CSU, traditionsgemäß kirchenfreundlich, muss sich nolens volens hinter den Bischof stellen. Die Kirche trägt neuen Konfliktstoff in eine mit Konflikten schon reich gesegnete Koalition.

Ob sich auch die Kanzlerin in die katholische Liga einreiht, ist fraglich. Sie hat vor einem Jahr den Konflikt selbst mit dem Papst nicht gescheut, als sie ihn aufforderte, das Verhältnis seiner Kirche zum Judentum zu klären. Die Traditionalisten in der CDU haben schwer gemurrt, ihr Murren hat sich mittlerweile in einem christlichen Arbeitskreis organisiert.

Dort herrscht Schmerz darüber, dass nicht mehr Kirche und Kolping das Leben im Lande bestimmen, sondern, angeblich, Libertinage und Permissivität. Aber diese waren, ausweislich der aufgedeckten Verbrechen, auch in kirchlichen Internaten und Pfarrhäusern zu Hause.

Kein Verein von Sexualverbrechern

Wenn jemand einen Bußgang antreten muss, dann ist es nicht die FDP-Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger, sondern die Kirche. Erzbischof Zollitsch hat sich im Namen der Kirche bei den sexuellen Opfern entschuldigt, viel zu spät freilich und zu lapidar.

Seine Erklärung, erst wenige Tage alt, hat gezeigt: Die Kirche nimmt ihre Schuld zwar endlich zur Kenntnis - ist aber von einem umfassenden Bekenntnis noch weit entfernt, von einem Bekenntnis, das auch die Bitte um Verzeihung für ein jahrelanges Wegschauen umfasst.

Die Kirche ist kein Verein von Sexualverbrechern. Wenn in der öffentlichen Diskussion bisweilen ein solcher Eindruck erweckt wird, ist das perfide und zieht viel Gutes in den Dreck. Dagegen hilft kein Ultimatum an die Ministerin. Da hilft nur die befreiende Kraft der Wahrheit. Die katholische Kirche muss sich dafür selbst das Ultimatum setzen.