Juden in Deutschland Wie verbreitet ist Antisemitismus und von wem geht er aus?

Ein Protestschild von einer Kundgebung gegen Antisemitismus steht vor dem Brandenburger Tor in Berlin (Archivbild)

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Ablehnung von Juden nimmt unter Deutschen nicht zu, aber der Antisemitismus zeigt immer offener sein Gesicht. Zahlen und Grafiken zu einem furchtbaren Phänomen.

Von Markus C. Schulte von Drach

Der Antisemitismus in Deutschland nimmt zu, so heißt es häufig. Tatsächlich ist er weit verbreitet, das belegen Umfragen und die Zahlen der Polizei zu antisemitischen Straftaten seit Jahrzehnten eindeutig. Aber zeigen sie auch, dass immer mehr Menschen in Deutschland eine antisemitische Einstellung haben? Und hängt der Antisemitismus, wie lange Zeit angenommen wurde, fast ausschließlich mit einer rechten oder rechtsextremen Einstellung zusammen? Ein Blick auf die relevanten Studien zeigt, dass es komplizierter ist.

Seit 2001 veröffentlicht das Bundesinnenministerium jährlich in der Polizeistatistik die Zahlen antisemitisch motivierter Straftaten und ordnet sie bestimmten Kategorien von Tätern zu. Die jüngsten verfügbaren Zahlen stammen vom Februar 2018. Dem Bundesministerium des Inneren zufolge kam es 2017 zu 1453 antisemitischen Vergehen.

2014 waren es fast 1600 Fälle, 2006 sogar mehr als 1800. Seit 2001 ist es im Schnitt zu etwa vier Vergehen täglich gekommen. Ähnlich stark schwankt die Zahl der Gewalttaten: zwischen 28 und 64 Fälle pro Jahr wurden seit 2001 angezeigt. 2017 waren es 32 Fälle.

Hohe Dunkelziffer bei Straftaten

Experten gehen allerdings davon aus, dass es eine große Dunkelziffer gibt, weil viele Fälle gar nicht angezeigt werden. Wie zum Beispiel eine Studie der European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) zum Antisemitismus in EU-Staaten schon 2013 zeigte, hatten in Deutschland in den fünf Jahren zuvor nur 28 Prozent derjenigen Juden, die Opfer einer schweren antisemitischen Belästigung geworden waren, dies bei der Polizei oder einer anderen Organisation gemeldet. Die tatsächliche Zahl solcher Straftaten läge demnach mehr als dreimal so hoch.

Auch die Berichte antisemitischer Vorkommnisse in Berlin, die die "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus" (RIAS) des Vereins für Demokratische Kultur in Berlin seit 2015 zählt, deuten auf eine hohe Dunkelziffer hin. 2016 wurden dort 470 Vorfälle gezählt, während die Statistik des Berliner Landeskriminalamtes nur 175 antisemitische Straftaten erfasst hatte. Von der RIAS werden allerdings auch Vorfälle gezählt, die möglicherweise unterhalb der Strafbarkeitsschwelle liegen.

Leicht gesagt, schwer getan

Die Forderung nach einem Meldesystem für antisemitische Vorfälle etwa an Schulen hat derzeit viele Unterstützer, auch im Bundestag. Doch die praktische Umsetzung macht Schwierigkeiten. Von Christian Gschwendtner mehr...

Auf Probleme mit der Polizeistatistik hat der "unabhängige Expertenkreis Antisemitismus" in seinem Bericht an die Bundesregierung 2017 hingewiesen. Demnach wird die Zahl der tatsächlichen antisemitischen Vorfälle dadurch systematisch unterschätzt, "dass bei jedem Vorfall, bei dem es zu mehreren Delikten gekommen ist (z.B. Beleidigung, Raub, Körperverletzung), nur das Delikt mit der höchsten Strafandrohung gezählt wird". Bei einem Raubüberfall etwa würde also ein antisemitisches Verhalten ignoriert. Außerdem würden Polizei und Justiz antisemitische Straftaten häufig gar nicht als solche erkennen.

Die Zahl antisemitischer Straftaten ist demnach hoch, und es gibt noch deutlich mehr Fälle, als die Polizeistatistik aufzeigt. Eine erkennbare Zunahme lässt sich mit diesen Daten aber nicht belegen.

Antisemitische Einstellungen werden zunehmend gezeigt

Belegen lässt sich aber eine andere Veränderung beim Antisemitismus in Deutschland. Die Bereitschaft nimmt zu, antisemitische Einstellungen im Internet, insbesondere in den sozialen Medien, unverhohlen zu zeigen. Das zeigen Studien von Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin. Die Sprachwissenschaftlerin hat Leserkommentare zu Israel auf den Seiten der Mainstream-Medien im Internet alysiert. 2007 wiesen 7,5 Prozent der Kommentare antisemitische Stereotype auf. 2014 war der Anteil auf 36,2 Prozent gewachsen - und war damit nun fast fünfmal so groß.

"Das Internet stellt eine neue Dimension der Verbreitung von Antisemitismus dar, aufgrund seiner Geschwindigkeit, und aufgrund der Radikalisierung und Intensivierung", warnt Schwarz-Friesel. "Der vorhandene Antisemitismus ist auf der Einstellungsebene sichtbarer geworden", stellt auch der Berliner Politikwissenschaftler Samuel Salzborn in der SZ fest. Und wenn die Einstellungen lauter und aggressiver würden, nähmen auch die Straftaten, körperliche Übergriffe, Propagandadelikte und Beleidigungen zu, so Salzborn.