Israelkritische Ausstellung In Köln nicht willkommen

Schattenseiten der Besatzung: israelischer Soldat in Hebron.

(Foto: Hazem Bader/AFP)
  • Eine israelkritische Ausstellung mit Fotos aus den besetzten palästinensischen Gebieten ist vom Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) auf Bitten der israelischen Botschaft für unerwünscht erklärt worden.
  • Die Bilder wurden von israelischen Soldaten gemacht. Die Ausstellung ist ein Projekt der Organisation "Breaking the Silence", die von ehemaligen Soldaten getragen wird.
  • Nach Ansicht der israelischen Regierung schüre die Ausstellung antisemitische Ressentiments.
  • Israels rechtgerichteter Regierung unter Premierminister Benjamin Netanjahu ist "Breaking the Silence" ein Dorn im Auge.
Von Bernd Dörries und Peter Münch

Jetzt müssen sie doch schweigen, obwohl es ja genau das war, was sie brechen wollten, das Schweigen. Von Oktober an wollte die Organisation "Breaking the Silence" Fotos aus den besetzten palästinensischen Gebieten präsentieren. Fotos, die israelische Soldaten dort gemacht haben, Fotos, die wehtun. Die Ausstellung soll zeigen, wie sich das Leben anfühlt für die Palästinenser zum Beispiel in Hebron, ihrer zweitgrößten Stadt. Wo sie nur das machen dürfen, was israelische Soldaten und Siedler ihnen erlauben.

Bis zum Wochenende lief die Ausstellung in Zürich, davor war sie auch schon im Berliner Willy-Brandt-Haus zu sehen. Um Köln wird sie nun einen Bogen machen müssen, Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) hat die Ausstellung in der örtlichen Volkshochschule für unerwünscht erklärt. Auf eine Bitte der israelischen Botschaft hin. Die Ausstellung passe nicht zum Charakter des 50-jährigen Jubiläums der deutsch-israelischen Beziehungen. Es seien antisemitische Ausfälle zu befürchten, lässt Roters mitteilen. Dabei waren solche Ausfälle aus Zürich und Berlin bisher gar nicht bekannt.

Die Reaktionen sind heftig in Köln. Roters, so meinen viele, müsse sich fragen lassen, ob er durch das Verbot nicht genau jene antiisraelischen Reaktionen schüre, die er eigentlich zu verhindern vorgibt. Der israelische Historiker Moshe Zimmermann spricht im Kölner-Stadt-Anzeiger von einer "haarsträubenden Kapitulation Kölns". Es gehe bei der Ausstellung um Meinungsfreiheit und nicht um Antisemitismus.

Wie im Computerspiel

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Jehuda Schaul, den Gründer von "Breaking the Silence", erreichte die Ausladung per E-Mail. Enttäuschung über die Kölner Entscheidung will er sich nicht anmerken lassen. Umso deutlicher aber kritisiert er den Druck aus Israel, der zum Kölner Einknicken führte. "Die Regierung zeigt leider Israel als einen Staat, der Kritiker stillstellt", sagte er der SZ. "In einem demokratischen Land sollte man auch über solche Themen diskutieren können." Der rechtsgerichteten Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu ist die von ehemaligen Soldaten getragene Organisation ein Dorn im Auge. Dabei hatte sie 2004 sogar noch einen ganzen Monat lang eine Fotoausstellung in der Knesset, dem Parlament in Jerusalem, präsentieren dürfen. Heute aber werden die Aktivisten als Verräter gebrandmarkt, weil sie Verfehlungen der eigenen Armee anprangern.

Von der israelischen Regierung heftig attackiert

Auch die Zürcher Ausstellung war übrigens heftig von der israelischen Regierung attackiert worden - im dortigen Fall allerdings blieb der Druck anders als in Köln ohne Wirkung. Schaul sieht in der Kölner Absage nun eine "verpasste Gelegenheit". Er glaubt, dass "eine solche Ausstellung am Ende dem Bild Israels helfen" würde. Überdies hätte sie seiner Meinung nach trotz der kritischen Haltung ausgesprochen gut in die deutsch-israelischen Freundschaftsfeiern gepasst. "Wahre Freundschaft muss offen und ehrlich sein", sagt er, "wenn wir so etwas nicht mit unseren Freunden diskutieren können, mit wem dann?"

In Köln ist es innerhalb weniger Monate bereits das dritte Mal, dass eine Veranstaltung wegen der Angst vor den Reaktionen abgesagt oder verändert wurde. Im Karneval wurde der Wagen zurückgezogen, der die Anschläge auf die Satirezeit-schrift Charlie Hebdo zum Thema hatte. Auf der PhilCologne wurde vor Kurzem der australische Philosoph Peter Singer ausgeladen, der sehr schwierige Thesen zum Wert des Lebens vertritt. Und nun das Verbot von "Breaking the Silence". In allen Fällen wusste man, auf was man sich einlässt.

Früher sah sich Köln einmal in der Tradition des kritischen Geistes von Heinrich Böll. Heute knickt die Führung der Stadt beim ersten Gegenwind ein. Allen voran der stets ängstliche Oberbürgermeister Jürgen Roters.