Israel Kampf ohne Plan

Es sind zornige junge Männer, meist um die zwanzig, die von Jahren der Perspektivlosigkeit geprägt sind - und sich nun auflehnen.

(Foto: AP)

Mit Küchenmessern und Autos gehen palästinensische Jugendliche auf Israelis los, Israel reagiert mit militärischer Gewalt. Doch auch eine der besten Armeen der Welt kann diesen höchst gefährlichen Aufstand nicht eindämmen.

Kommentar von Peter Münch

Wie nennt man das, wenn Steine fliegen und Brandbomben, wenn gekämpft und geschossen wird in Jerusalem, Ramallah und Nablus? "Intifada" schreiben die israelischen Zeitungen in Großbuchstaben, und auch die palästinensischen Turnschuh-Bataillone auf den Straßen beschwören den neuen Kampf ums Ganze. Intifada - das ist ein Déjà-vu des Blutvergießens, es steht für Angst, Gewalt und Schock.

Doch Intifada ist auch nur ein Wort. Mit dem Begriff, der im Arabischen für Erhebung oder Aufstand steht, soll das Chaos erklärt werden, das in diesen Tagen wieder die von Israel besetzten palästinensischen Gebiete erfasst hat. Die Altstadt von Jerusalem ist abgeriegelt, selbst in Tel Aviv kam es zu einer Messerattacke. Die erste Intifada von 1987 bis 1993, das war der "Krieg der Steine", die zweite Intifada von 2000 bis 2005 der Terror durch Selbstmord-Bomber. Wer heute versucht, die Unordnung einzuordnen, der will sich mit der Kraft eines Etiketts wenigstens wappnen für das, was kommen könnte: die palästinensische Intifada I bis III, so wie es weiland die Punischen Kriege gab. Doch tatsächlich haben nicht mal die Protagonisten eine Ahnung, was passieren wird.

Ihre Planlosigkeit ist der Quell des Chaos' und die größte Gefahr für die Zukunft. Allen Kraftmeiereien zum Trotz können letztlich weder Israels Premier Benjamin Netanjahu noch Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas die Lage steuern. Der Konflikt ist außer Kontrolle. Das heißt noch lange nicht, dass er zwingend eskaliert. Die derzeitige Welle der Gewalt kann auch so schnell abebben, wie sie sich aufgetürmt hat. Aber die nächste Welle kommt gewiss.

Dieser Aufruhr ist die pure Anarchie. Es gibt keine Anführer, keine Richtung, keine Ziele. Jedes Küchenmesser kann eine Waffe sein, mit der ein Palästinenser wahllos mordet. Jedes Auto kann zur tödlichen Bedrohung werden, wenn es der Fahrer in eine Menschenmenge steuert. Die Täter brauchen keine Ausbildung im Terrorcamp und keinen Terrorpaten, der sie schickt. Es sind zornige junge Männer, meist um die zwanzig, die auf dem Höhepunkt der Hoffnung geboren wurden, in den Jahren des Osloer Abkommens, als Israelis und Palästinenser ernsthaft über Frieden verhandelten - und die dann ihr Leben lang nichts erlebt haben als den Abstieg in tiefe Depression und Perspektivlosigkeit. Kein noch so starker israelischer Sicherheitsapparat, kein noch so guter Geheimdienst kann verhindern, dass diese Jugendlichen irgendwann aufstehen und zur Tat schreiten.

Netanjahu noch Abbas lassen der Gewalt freien Lauf

Wo es kein Muster gibt, kann es auch keine geeignete Gegenwehr geben. Wenn nach jahrzehntelangen Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern nun also alles von einer unberechenbaren Dynamik, gar vom Zufall abhängt, dann ist dies eine Bankrotterklärung der Politik. Abbas immerhin hat diesen Bankrott nun öffentlich bekundet, als er vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York de facto die Osloer Friedensverträge aufkündigte. Doch er hat nicht einmal mehr die Kraft, diesen Ankündigungen auch Taten folgen zu lassen. Er ist ein Präsident, für den kein Land in Sicht ist, und ein Mandat hat er schon längst nicht mehr.

Abbas versucht, sein Volk abzuspeisen mit symbolischen Gesten wie einer Flaggenzeremonie vor dem UN-Hauptquartier. Doch eigentlich müsste diese Flagge auf halbmast wehen. Aus seiner Position der Schwäche heraus kann Abbas - selbst wenn er stets das Gegenteil beteuert - nicht einmal mehr Verhandlungen führen, weil er mit jedem Kompromiss die Wut der eigenen Leute auf sich zöge. So lässt er den Dingen ihren Lauf, weil ihm ohnehin niemand mehr zuhört, selbst wenn er wie in dieser Woche inmitten des Getöses plötzlich zur Ruhe aufruft.

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Anders als Abbas agiert Netanjahu aus einer vermeintlichen Position der Stärke heraus. Auf Steinwürfe reagiert er mit Schießbefehlen, auf Terrorattacken mit Vergeltung. Tausende zusätzliche Soldaten und Polizisten hat er bereits nach Jerusalem und ins Westjordanland beordert, ohne dass dadurch Ruhe eingekehrt wäre. Wenn er den Aufruhr mit Gewalt nicht eindämmen kann, dann versucht er es eben mit noch mehr Gewalt. Es sind die immer gleichen Rezepte, die den Israelis suggerieren sollen, dass sie den richtigen Mann gewählt haben - den eisernen Bibi, der ihnen bei jeder Wahl erneut Sicherheit verspricht.

Netanjahu gibt sich als Getriebener

Doch diese Sicherheit ist ebenso eine Schimäre wie Netanjahus Stärke. Denn als Befehlshaber über eine der besten Armeen der Welt ist es kein Zeichen von Kraft, gegen Jugendliche Krawallmacher und mörderische Einzeltäter zu bestehen. Kraft könnte er beweisen, wenn er nicht die Symptome bekämpfte, sondern zurück ginge zur Wurzel dieser Unruhen, also zum System der Besatzung, die bald ins 50. Jahr geht - kein goldenes, sondern ein gefährliches Jubiläum.

Doch statt einen mutigen Schritt in Richtung Frieden und Zukunft zu wagen, gibt Netanjahu sich als Getriebener. Er hat sich eine Regierung aus Rechten und extremen Rechten gezimmert, die es ihm unmöglich macht, ernsthafte Verhandlungen zu riskieren. Denn wie Abbas müsste auch Netanjahu in dieser Lage, in die er sich selbst manövriert hat, Kompromisse womöglich mit dem Machtverlust bezahlen. Also laviert er, lässt dort eine Siedlung bauen, hier ein Gesetz verschärfen und bekundet zwischendurch schnell seinen Friedenswillen. Doch vor allem lässt auch er den Dingen ihren Lauf.

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Ungesteuert aber darf dieser Konflikt nicht bleiben. Gewiss, die Staatengemeinschaft ist anderweitig gut beschäftigt - in Syrien und im Irak, in der Ukraine und in Afghanistan. Doch trotz aller nachvollziehbaren Frustration über diesen Streit in der Endlosschleife darf die Welt die Israelis und Palästinenser nicht mit ihren verbrauchten Führungen alleine lassen. Denn es genügt ein Blick dorthin, wo die jüngsten Unruhen ihren Ausgang nahmen, um zu verstehen, wie viel hier auf dem Spiel steht: Der Jerusalemer Tempelberg alias Haram-al-Scharif ist nicht nur das Epizentrum des israelisch-palästinensischen Konflikts. Ein Beben dort kann mindestens regionale, wenn nicht globale Erschütterungen auslösen.