Islamismus "Videoclips aus dem Krieg"

Wirksame Werbebotschaften: Dschihadisten und IS-Anhänger treffen mit ihrer Propaganda offenbar einen Nerv bei manchen Jugendlichen. Fotos: Internet, AFP; Illustration: Stefan Dimitrov

Seit Jahren wächst die Dschihadisten-Szene. Die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke analysiert, wie und warum sich Jugendliche radikalisieren - und warum der Verfassungsschutz irrt.

Interview von Stefan Braun, Berlin

SZ: Sie arbeiten mit dem Begriff Pop-Dschihadismus. Was meinen Sie damit?

Claudia Dantschke: Es gibt seit einigen Jahren eine radikale Jugendsubkultur. Sie umfasst Jugendliche der sogenannten westlichen Welt, die inhaltlich radikal-dschihadistisch drauf sind. Aber sie theologisieren nicht und argumentieren nicht im Stil salafistischer Prediger oder Gelehrter der muslimischen Welt. Sie benutzen für ihre eher weltliche, politische Propaganda moderne Elemente einer Popkultur.

Was heißt das?

Sie nutzen die jugendkulturellen Medien und die Art der Vermittlung ihrer Botschaften, wie es alle Jugendlichen heute machen, im Realen wie im Internet. Sie tragen und verkaufen T-Shirt-Marken mit den entsprechenden Insignien, machen kurze, hippe Videoclips im MTV-Stil und passen die religiöse Liedform, den Nasheed (Sprechgesang ohne Instrumente), der Hip-Hop-Kultur an. Nehmen Sie Superman. Mit ihm sind die westlichen Jugendlichen aufgewachsen. Und was machen die Pop-Dschihadisten draus? Supermuslim. Sie holen die Jugendlichen bei den Popkultur-Elementen ab, mit denen diese sozialisiert sind. Und unterfüttern sie mit dschihadistischen Inhalten.

Wen meinen Sie mit Pop-Dschihadisten?

Leute wie Denis Cuspert, der Berliner Ex-Rapper Deso Dogg, der sich radikalisierte, zum Dschihadisten wurde und quasi seine ganze Entwicklung übers Internet, über gestylte Fotos, über aufwendig gestaltete Cover für auf DVD veröffentlichte Lieder (Nasheeds) öffentlich gemacht hat. Er schafft Bilder von sich wie ein Popkünstler; heute schickt er Videoclips aus dem Krieg in Syrien. Aber daneben gibt es viele Jugendliche ohne diese Berühmtheit, die nach ersten Begegnungen mit einem bereits salafistisch orientierten Älteren angezogen sind, ihm folgen, sich also selbst dem Salafismus zuwenden und dann aktiv werden in der Ansprache anderer Jugendlicher. Sie erzählen den Jüngeren ihre Geschichte, und zeigen, dass sie genauso angefangen haben wie diejenigen, die sie ansprechen. Die deren Frust verstehen, ob wegen Problemen mit dem Vater oder den Mitschülern oder wegen mangelnder Anerkennung in der Schule oder auch wegen der Einsamkeit, weil sie ihren Platz in der Gesellschaft oder ihren Sinn im Leben einfach nicht finden.

Zur Person

Claudia Dantschke ist studierte Arabistin, arbeitet seit 2001 für das Berliner Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) und betreut seit 2011 in der Beratungsstelle Hayat des ZDK Familien, in denen sich Kinder radikalisiert haben.

Warum wirkt das so anziehend?

Der Ältere lockt die Jüngeren mit einem neuen Sinn, einem neuen Lebensgefühl, einer Aufgabe, der man gerecht werden muss, und die nichts mit der üblichen Norm, der Normalität zu tun hat. Sie finden plötzlich Anerkennung, können sich nun von allem abgrenzen, zu dem sie vorher Zugang gesucht, aber nie gefunden haben. So rutschen sie in eine Gruppe, stecken sich gegenseitig an, radikalisieren sich. Ich nenne diese Gruppen Kameradschaften, ich spreche ganz bewusst von einer Kameradschaftsszene, weil es der rechtsextremen Szene sehr, sehr ähnlich ist. Beim Frust auf das Establishment und bei der Sehnsucht nach einem Sinn, einer klaren Ordnung. Wer in diese Kameradschaften rutscht, erlebt erst mal eine Gruppe mit starken Anziehungskräften und starkem Gemeinschaftsgefühl.

Wer ist anfällig?

Jugendliche, die hier geboren wurden oder aufgewachsen sind, aber entweder aufgrund schwieriger Familienverhältnisse oder aufgrund eines nichtdeutschen Familienhintergrundes eine Ausgangssituation haben, die ihnen in dieser Gesellschaft nicht automatisch einen klaren, guten, starken Platz sichert. Es sind Kinder aus Migrantenfamilien, die konvertieren, aber auch junge Menschen ohne Migrationshintergrund und Kinder muslimischer Eltern. Der Salafismus verspricht ihnen eine eindeutige und absolute Identität als "Muslim", der Islam spielt dabei aber keine große spirituelle Rolle. Sie haben Ausgrenzung, Abwertung, Minderwertigkeitsgefühle erlebt oder empfunden. Und dann tauchen plötzlich Ältere auf, die wie ältere Brüder wirken und so vieles verstehen. Und plötzlich einen glasklaren Vorschlag bieten, wie ein neues, ganz anderes Leben aussehen könnte.

Wird das gleich militant?

Im pop-dschihadistischen Milieu ja, da ist es sehr schnell sehr militaristisch. Wir kennen das aus Großbritannien, da gibt es diese Szene schon länger. Und irgendwann, wenn sie ohnehin in ihrer radikalen Überzeugung gefestigt sind, lösen sie sich von ihren Predigern und fangen an, selber andere Jugendliche anzulocken, zu gewinnen und zu radikalisieren. Sie werden Vorbilder; sie wirken authentisch, weil sie ihre frühere Unsicherheit und vermeintliche Läuterung zeigen.