Rechtsprofessor Lepsius über Guttenberg Lüge oder Realitätsverlust

Als die Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg aufflog, nannte ihn der Rechtsprofessor Oliver Lepsius einen "Betrüger" - seine Worte hält der Bayreuther Jurist nach wie vor für angemessen. Ein Gespräch über Anstand, Realitätsverlust und die Chancen einer neuen Dissertation des Ex-Doktors Guttenberg.

Interview: Tanjev Schultz

Der Bayreuther Rechtsprofessor Oliver Lepsius hat Karl-Theodor zu Guttenberg im Frühjahr einen "Betrüger" genannt. Die SZ traf Lepsius am Freitag in Bayreuth bei einer Tagung über Wissenschaftsethik und geistiges Eigentum.

SZ: Guttenberg ist zurück auf der Bühne. Wie finden Sie seine neue Rolle?

Lepsius: Die neue Rolle ist ja die alte Rolle. Er hat aus seinem Fall wenig gelernt. Er kokettiert weiter damit, ein Ausnahmepolitiker zu sein, der außerhalb des Establishments steht. Sein Rundumschlag bei einer Tagung, seine Distanzierung von der CSU: Guttenbergs Stil ist es, nicht auf leistungsbezogene Sacharbeit zu setzen, sondern auf rhetorische, handstreichartige Tabubrüche.

SZ: Guttenberg hat nicht vergessen, dass Sie ihn einen "Betrüger" genannt haben. Er sagt, dieser Vorwurf von Ihnen zeuge nicht von großer juristischer Kunstfertigkeit. Er will Ihren Angriff nicht auf sich sitzen lassen. Nehmen Sie das Wort zurück?

Lepsius: Nein. Meine damaligen Äußerungen waren angemessen und haben die Dinge beim Namen genannt, wie sie vom Anstandsgefühl her empfunden werden. Guttenberg will die vorsätzliche Täuschung nicht wahrhaben. Das ist juristisch gesehen absurd. Einer Strafe entgeht er nur deshalb, weil das Urheberrecht sich an Vermögensschäden orientiert. Sich nun darauf auszuruhen, finde ich unbillig. Wir wissen doch: Nicht alles, was unanständig ist, ist strafbar.

SZ: Guttenberg weist sogar den Begriff "Plagiat" zurück. Und er behauptet, seine Fehler habe er ohne Absicht begangen. Ist das Chuzpe? Realitätsverlust? Selbstbetrug?

Lepsius: Absichtslos seitenweise Ausarbeitungen des Deutschen Bundestags zu übernehmen, glaubt kein Mensch. Seine jüngsten Äußerungen lassen offen, ob er schlicht lügt oder einen Realitätsverlust erlitten hat. Seine politischen Rundumschläge sprechen für Letzteres.

SZ: Wie lautet Ihre Prognose: Gelingt ihm eine Rückkehr in die Politik?

Lepsius: Er hofft wohl darauf und setzt dafür auf Charisma. Kärrnerarbeit in der Partei scheint er zu scheuen. Eine Karriere in der CSU und den anderen traditionellen Parteien kann ich mir nach seinen jüngsten Äußerungen kaum noch vorstellen. Wie er die eigenen Parteifreunde vor den Kopf stößt, zeigt die Richtung an: Guttenberg gefällt sich in einer Rolle als populistischer Außenseiter.

SZ: Wenn Guttenberg in einem zweiten Anlauf eine ordentliche Doktorarbeit vorlegen würde - nähmen Sie diese an?

Lepsius: In Bayreuth dürfte er nicht mehr promovieren. Wir haben die Voraussetzungen geändert. Seine Examensnote genügte nicht mehr. Grundsätzlich würde ich es begrüßen, wenn er eine neue Dissertation schriebe. Er könnte uns von seiner Leistungsfähigkeit noch überzeugen. Ich sähe dem mit Interesse entgegen.