Interview mit Jean Ziegler "Er glaubt seine eigenen Lügen"

sueddeutsche.de: Sie erleben die Verhandlungen im UN-Menschenrechtsausschuss. Warum, glauben Sie, fehlt dieser Wille angesichts der humanitären Katastrophe in Libyen?

Ziegler: Nach dem langen Embargo hat die westliche Staatengemeinschaft in ihrer totalen Scheinheiligkeit den Tyrann Gaddafi 2005 wieder in ihren Schoß aufgenommen. Gaddafi wurde bis jetzt hofiert, weil Libyen gigantische Mengen Öl nach Europa liefert und mit seinen Petrodollars ein überaus interessanter Markt für westliche Firmen ist. Nach Jahren gedeihlichen Wirtschaftens hat der Westen jetzt freilich Mühe, in Gaddafi plötzlich den Feind zu sehen.

sueddeutsche.de: Sie haben Muammar al-Gaddafi mehrmals persönlich getroffen. Welchen Eindruck hatten Sie damals von ihm?

Ziegler: Ich war einer von den Intellektuellen, die er oft eingeladen hat. Ich war insgesamt sechs Mal bei ihm. Als Soziologe versuche ich zu verstehen, wie die Welt funktioniert, und da ist es für mich natürlich interessant, mit einem Staatschef zu sprechen, auch wenn er ein Halunke ist. Gaddafi glaubt von sich, ein großer Theoretiker zu sein, aber sein "Grünes Buch", das er als dritte Universaltheorie bezeichnet, das ist total wirr. Allerdings muss ich auch sagen: Damals habe ich Gaddafi als biltzgescheiten, argumentativen, analytisch begabten Menschen erlebt. Er spricht perfekt Englisch, er liest sehr viel und er war ein absolut brillanter Redner. Das weiß jeder, der ihn bei den Revolutionsfeierlichkeiten auf dem Grünen Platz erlebt hat. Er hat die Menge gespürt, intuitiv begeistert.

sueddeutsche.de: Davon war bei Gaddafis jüngsten Fernsehauftritten wenig zu sehen...

Ziegler: Davon war gar nichts mehr zu sehen. Jetzt redet er stockend und konfus. Gaddafi hat einen absoluten Realitätsverlust erlitten. Ich habe fast den Eindruck, er glaubt seine eigenen Lügen. Der Fall Gaddafi könnte einen Psychiater interessieren, mit politischen Kategorien ist ihm nicht mehr beizukommen. Gaddafi ist völlig verrückt.

sueddeutsche.de: Wie erklären Sie sich das?

Ziegler: Ich glaube, das ist nur mit der Existenzangst zu erklären. Er steht mit dem Rücken zur Wand und ist in absoluter Panik.

sueddeutsche.de: Diese Existenzangst mussten auch die Autokraten in Ägypten und Tunesien haben.

Ziegler: Bei Ben Ali und Mubarak hatte ich zumindest den Eindruck, dass da eine Form der Interessenabwägung stattfindet - entweder das Volk richtet mich hin, oder ich setze mich ab. Ich glaube, dass nichts dergleichen im Bunker der Bab al-Asisiya passiert.