sueddeutsche.de: Sagt das der Intellektuelle Dieter Moor oder der gemeine Brandenburger?

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Dieter Moor mit seinem lieben Vieh. (© Oliver Das Gupta)

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Moor: Ich möchte Ihnen noch ein Beispiel erzählen: Vor einiger Zeit kam ein Vertreter des Gentechnikkonzerns Monsanto hierher, um den dummen Bauern vom Land zu erklären, wie toll die Gentechnik ist. Irgendwann stand ein Landwirt auf und fragte: "Wir leben in einer Demokratie. 70 Prozent der Menschen wollen keine Gentechnik. Wo ist das Problem, warum haben wir's?" Das ist auf den Punkt gebracht. Wenn wir ein Referendum hätten, bei dem Mehrheit die Gentechnik ablehnt, dann wäre das entschieden. Dann müsste die Regierung dem Volk gehorchen und fertig.

sueddeutsche.de: Also ein bisschen mehr Schweiz in Deutschland?

Moor: In jungen Jahren habe ich das System der direkten Demokratie verflucht, weil es so unglaublich träge ist. Aber Volksabstimmungen aktivieren die Menschen, die denken mehr nach, sie reden mehr miteinander.

sueddeutsche.de: In der Schweiz gab es ein Plebiszit zum Minarett-Verbot. Fanden sie das richtig?

Moor: Nein, das war echt Scheiße! Das hatte übrigens ganz infantile Gründe, weil Herr Gaddafi gerade drei Schweizer festgenommen hatte. Dem wollten es meine Landsleute einfach zeigen. Manchmal kommt eben ein doofes Ergebnis heraus.

sueddeutsche.de: Kennen sich Ost- und Westdeutsche gut genug?

Moor: Nein, das dauert wohl noch ein, zwei Generationen. Nach der Wende mochte ich Berlin überhaupt nicht. Hüben wie drüben waren wir zu viele Ängste. Nach dem Rausch des Mauerfalls, nach der Euphorie herrschte Ernüchterung. Die im Westen hatten das Gefühl, sie hätten die klamme Verwandtschaft im Haus, die Ostler meinten: Wir können nix, die anderen gucken auf uns runter. Das ist längst kein großes Thema mehr, das nimmt ab. Ich empfinde übrigens die Unterscheide zwischen Nord und Süd viel größer, als zwischen Ost und West.

sueddeutsche.de: Was meinen Sie?

Moor: Wird ein Bayer jemals einen Hamburger verstehen? Wird ein Bremer jemals verstehen, wie es in Stuttgart tickt? Ich fürchte, nein. Aber ist es notwendig? Ich glaube nicht. Unlängst habe ich ein paar Kultursendungen gemacht für den WDR, unter anderem ging es um die Slangs im Ruhrpott. Die sind verdammt nah am Brandenburgischen. "Watt willste" sagen sie hier wie da.

sueddeutsche.de: Haben Sie eine Erklärung, warum das so ist?

Moor: Vielleicht liegt es daran, dass beide Regionen klassische Einwanderungsgebiete sind. Die Industrialisierung brachte Menschen aus der Ferne an Rhein und Ruhr, auch viele Polen. Hierher, in die Kornkammer Berlins, kamen Hugenotten, Polen und Russen. Und sogar Schweizer.

sueddeutsche.de: Ihre Vorgänger? Sie machen Witze.

Moor: Nein, ganz im Ernst: Wenn hier jemand melkt, nennt man ihn den Schweizer, selbst in den LPG-Betrieben war das so. Die kamen offenbar zu einer Zeit hierher, als die Schweiz das Afrika Mitteleuropas war. Es herrschte große wirtschaftliche Not, die Schweiz war ein Auswanderungsland. Die konnten wenig, außer mit Kühen gut umgehen. Der Alte Fritz soll sie gezielt geworben haben, damit Berlin Käse kriegt.

sueddeutsche.de: Sie sprechen von sich als "Bürger", können aber als Schweizer in Deutschland nicht einmal auf kommunaler Ebene oder bei der Europawahl wählen. Empfinden Sie das als ungerecht?

Moor: Nicht ungerecht, ich kann es ja ändern. Ich überlege, auch die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. Denn hier ist inzwischen meine Heimat.

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(sueddeutsche.de/jja)