Interview am Morgen In Alabama hätte selbst Jesus als Demokrat keine Chance

Im US-Bundesstaat Alabama wird der Fundamentalist Roy Moore wohl zum Senator gewählt - trotz Vorwürfen, er habe junge Mädchen sexuell belästigt. Südstaaten-Experte Clyde Wilcox erklärt im "Interview am Morgen", wie das sein kann.

Von Thorsten Denkler, New York

Im US-Bundesstaat Alabama wird an diesem Dienstag ein Senator gewählt. Es geht um die Nachfolge für Jeff Sessions, der zum Justizminister von Donald Trump gemacht wurde. Die besten Chancen hat - mit Unterstützung des US-Präsidenten - Roy Moore, der ultrarechte Kandidat der Republikaner. Der evangelikale Fundamentalist würde Homosexualität am liebsten verbieten. Reihenweise werfen ihm Frauen vor, er habe sie sexuell bedrängt, als sie noch Teenager gewesen seien. Eine soll damals erst 14 Jahre alt gewesen sein. Roy Moore, heute 70, war damals um die 30 Jahre alt. Warum er überhaupt eine Chance hat, gewählt zu werden, erklärt der Südstaaten-Experte Clyde Wilcox von der Georgetown University in Washington, D.C.

Mr. Wilcox, was ist los in Alabama? Warum wird dort ein Mann wie Roy Moore an diesem Dienstag voraussichtlich die Wahl zum Senator gewinnen?

Interview am Morgen

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Clyde Wilcox: Wir leben in einer polarisierten Welt. Die beiden Parteien haben sich wie vielleicht nie zuvor voneinander entfernt. Für die Republikaner ist es deshalb immens wichtig, die Kontrolle über den Senat zu behalten. Im Moment haben sie nur eine sehr knappe Mehrheit von zwei Stimmen. Verlieren sie den Sitz aus Alabama, wird es noch schwerer für sie, eigene Gesetze durchzubringen. Das wissen auch die Menschen in Alabama. Manche Republikaner dort würden sicher lieber einen anderen Kandidaten sehen als Moore. Aber vor allem wollen sie keinen Demokraten nach Washington schicken.

Viele Menschen in Alabama sind sehr religiös. Kümmern sie die Vorwürfe gegen Moore nicht, er habe Minderjährige sexuell bedrängt? Selbst einige Pastoren unterstützen Moore.

Sie glauben einfach nicht, dass die Vorwürfe wahr sind. In ihren Augen sind das "Fake News". Die Logik ist: Roy Moore redet so viel über Gott, er kann so etwas nicht getan haben.

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Es gibt also keinen Weg, Moore-Wähler zu überzeugen, dass die Vorwürfe gegen ihn wahr sein könnten? Warum nicht?

Weil sie sich die Details gar nicht anschauen. Sie sind nicht bereit, die Geschichten zu lesen, die ihnen zeigen würden, wie Moore sich damals an einer 14-jährigen vergangen hat. Es geht sogar so weit, dass manche Pastoren jetzt sagen: Hey, Josef war ein alter Mann, Maria war eine junge Frau. Und Jesus war ihr Sohn. Lustig ist: Sie unterschlagen dabei, dass Maria ja angeblich jungfräulich schwanger geworden ist.

Verrückte Vorstellungen gibt es in jeder Gesellschaft. Aber wie kommt ein Kandidat mit so etwas zu einer Mehrheit?

Sie müssen sehen, Konservative in Deutschland sind anders als evangelikale Rechte in Alabama. Der Fundamentalismus ist hier gar nicht so sehr eine religiöse als vielmehr eine kulturelle Frage. Sie legen die Bibel wörtlich aus. Aber im Grunde nur, um ihre jeweilige Politik zu rechtfertigen, was immer diese sein mag.

Ein demokratischer Kommunikationsberater hat der "New York Times" gesagt: "Ich glaube nicht, dass der Herr Jesus als Demokrat in Alabama gewinnen könnte." Würden Sie zustimmen?

Absolut.

Sie würden die Vorwürfe gegen Moore auch nicht glauben, wenn der leibhaftige Jesus sie erheben würde?

Natürlich nicht. Das ist aber gar nicht so ungewöhnlich. In der Lewinsky-Affäre haben 25 Prozent der Demokraten nicht geglaubt, dass Bill Clinton Sex mit seiner Praktikantin gehabt habe. Und das nicht mal dann, als er die Vorgänge eingestanden hat. Es steckt eine gewisse Logik dahinter, keine schlechten Sachen über jene als wahr anzuerkennen, die du unterstützt.

Worum geht es inhaltlich bei dieser Wahl?

Was alles überlagert, ist die Frage der Abtreibung. Moore ist strikt dagegen. Sein demokratischer Gegner Doug Jones ist für Wahlfreiheit. Das ist vielleicht kein großes Thema für die meisten Menschen, aber ein Riesenthema für die meisten Republikaner in Alabama. Sie würden niemals jemanden wählen, der sich nicht klar als Abtreibungsgegner positioniert. Jones hat deshalb keine Chance, republikanische Wähler von sich zu überzeugen, die Moore für den Falschen halten.

Einen demokratischen Senator hatte Alabama zuletzt 1997. Was war damals anders?

Damals waren Demokraten in den Südstaaten eher moderate Republikaner, während Republikaner an den liberalen Küsten meist eher konservative Demokraten waren. Demokraten in den Südstaaten waren für das Recht auf Waffenbesitz genauso wie gegen Abtreibung. Vielleicht etwas liberaler, wenn es um soziale Sicherheit geht. Das ist heute anders. Die beiden Parteien haben sich politisch separiert. Moores Gegenkandidat Doug Jones ist so liberal wie jeder Ostküsten-Demokrat. Das passt nicht zum Süden.

Warum gibt es diese konservativen Demokraten und liberalen Republikaner so nicht mehr?

Politik ist in den USA zu einer Art Sportliga mit zwei Mannschaften verkommen. Wer nicht zu meinem Team gehört, der ist mein Gegner. Ein weißer Konservativer ist in Alabama automatisch im Team der Republikaner, ein schwarzer Liberaler automatisch im Team der Demokraten. Es gibt in beiden Lagern keinen Platz mehr für den jeweils anderen.

US-Präsident Donald Trump unterstützt Moore jetzt. Eine gute Strategie?

Das würde unterstellen, dass Trump eine Strategie hat. Er ist ein Instinktpolitiker, der weiß, was seine Wählerbasis will. Und die finden es sicher gut, dass er zu Moore hält. Aber das ist ein großes Risiko. Die Demokraten bewegen jeden ihrer Senatoren zum Rücktritt, der sich auch nur ansatzweise falsch gegenüber Frauen verhalten hat. Wenn Moore gewinnt und Senator bleibt, dann haben die Demokraten in den Halbzeitwahlen im Herbst 2018 eine sehr gute Ausgangsstellung, wenigstens eines der beiden Häuser im Kongress zurückzuerobern.

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