Homosexuelle in Russland Wenn der Stadtbummel zur Propaganda wird

Beleidigungen, Angriffe, Angst - für Homosexuelle in Russland ist jeder Tag ein Risiko. Polina Adrianowa versucht mit ihrer Organisation "Coming Out", Schwulen und Lesben zu helfen. Doch viele wollen nur eins: so schnell wie möglich raus aus Putins Reich.

Von Carina Huppertz

"Zarin Putin": Demonstranten zeigen den russischen Präsidenten bei einer Demonstration gegen das Homo-Propaganda-Gesetz in Amsterdam geschminkt

(Foto: dpa)

Zwei Frauen, ein Kuss, viel Aufregung. Die Welt vermutete eine Protestaktion, als die russischen Sprinterinnen Julia Guschina und Xenija Ryschowa sich nach ihrem Sieg bei der Leichtathletik-WM in Moskau küssten. Alles Quatsch, dementierten die Sportlerinnen und betonten, es sei ein rein freundschaftlicher Kuss gewesen. Andere Interpretationen seien "kranke Phantasie" und "eine Beleidigung". In Russland sind Homosexuelle verpönt, und die Stimmung gegen sie wird immer aggressiver.

Junge Männer locken Schwule über falsche Kontaktanzeigen, zwingen ihre Opfer, Namen und Telefonnummern zu nennen, schlagen sie und übergießen sie mit Urin. Ihre Hetzjagden stellen sie per Video im Internet zur Schau. In Wolgograd und auf der fernöstlichen Halbinsel Kamtschatka wurden im Mai und im Juni zwei Männer aus Schwulenhass umgebracht. Vor zwei Wochen sagte der Vize-Generaldirektor des Staatsfernsehens, Dmitrij Kisseljow, vor laufender Kamera, die Herzen von toten Homosexuellen sollten vergraben oder verbrannt werden, damit sie nicht für Transplantationen genutzt werden können.

Schon Händchen halten ist verboten

Kisseljow, ein Staatsbeamter, kann so etwas sagen, weil in Russland die Diskriminierung von Homosexuellen gesetzlich erlaubt ist. Im Juni verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das sogenannte "Propaganda von nicht traditionellen Beziehungen" verbietet. Bei Verstößen drohen Geldbußen bis zu 2000 Euro. Viel Geld für die meisten Russen, die im Schnitt weniger als 600 Euro pro Monat verdienen. Die Abgeordnete Jelena Misulina, die die Initiative maßgeblich vorangetrieben hat, begründet das Gesetz mit dem Schutz von Minderjährigen: Informationen über nicht traditionelle Beziehungen würden sich negativ auf deren Entwicklung auswirken. Erwachsene hingegen könnten sich frei für eine Beziehungsform entscheiden, so Misulina.

Entscheiden - ja. Diese aber auch leben - nein. Denn als homosexuelle Propaganda gilt schon, was im Normalfall zum Privatleben gehört. "Wenn ich mit meiner Freundin Hand in Hand durch Sankt Petersburg laufe, müssen wir uns immer fragen, ob Minderjährige uns sehen und ob deshalb jemand die Polizei ruft", erzählt Polina Adrianowa. Die 39-Jährige lebt seit 1994 offen lesbisch. Damit ist sie in Russland fast eine Exotin. Viele schwule und lesbische Paare geben sich als Studienkollegen oder Mitbewohner aus, denn wer sich outet, wird oft von seiner Familie verstoßen. "Seine Homosexualität zu verstecken ist die sicherere Alternative", sagt Adrianowa dazu. "Aber was für ein Leben hast du dann?"

Auch für sie ist es schwerer geworden, zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen. "Ich merke plötzlich, wie ich in der Öffentlichkeit darauf achte, wie ich mich kleide oder mich bewege", erzählt die 39-Jährige. "Ich beobachte die Leute um mich herum, wenn ich meine Freundin umarme, und frage mich: Beobachten sie uns? Werden sie uns beleidigen? Oder die Polizei rufen? Plötzlich sind alle diese Gedanken in meinem Kopf, jeden Tag. Diese konstante Angst im Alltag, die ist schlimm."

"Wir mussten den Leuten beibringen, dass sie Menschenrechte haben"

Adrianowa setzt sich seit Langem dafür ein, dass Schwule und Lesben in Russland ihre Liebe in der Öffentlichkeit zeigen können. Vor fünf Jahren gründete sie mit einigen Mitstreitern die Organisation "Wychod" - übersetzt heißt das auch Coming-out. Damals, so erzählt sie, kämpfte niemand aus der Szene für seine Rechte. Die Arbeit von "Coming Out" begann bei den Schwulen und Lesben selbst. "Wir mussten den Leuten beibringen, dass sie die gleichen Menschenrechte haben wie jeder andere auch. Das war, traurigerweise, den meisten nicht klar", erklärt Adrianowa.

Seitdem versuchen die Aktivisten durch Festivals und Kampagnen, die schwul-lesbische Kultur in den russischen Alltag zu integrieren und den Menschen die Angst vor ihr zu nehmen. Homophobie ist in Russland weitverbreitet. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum im Mai hat ergeben, dass 51 Prozent der Russen eine "Zwangsheilung" und strafrechtliche Verfolgung von Lesben und Schwulen befürworten. 35 Prozent halten Homosexualität für eine Krankheit.

Die mangelnde Aufklärung ist für Polina Adrianowa der Grund für den extremen Schwulenhass. "Sexualität ist in Russland ein Thema, über das niemand spricht. Auch in Schulen gibt es keine Sexualkunde", erzählt sie. "Mit unseren Kampagnen wollen wir Falschinformationen über Homosexualität aus der Welt schaffen. Aber genau davon hält uns das neue Propaganda-Gesetz ab", so Adrianowa.