Holocaust Wie Himmler Heydrichs Plan unterlief

Reichsführer-SS Heinrich Himmler und SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich im Jahre 1934.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Welches Ziel hatte die Wannsee-Konferenz vor 75 Jahren tatsächlich? Historiker Peter Longerich hält sie für den Versuch Heydrichs, sich mit einem eigenen Plan für die "Endlösung" zu profilieren.

Rezension von Robert Probst

Was passierte am 20. Januar 1942 in der luxuriösen Villa Am Großen Wannsee 56-58? Die historische Forschung ist sich da inzwischen relativ einig - spätestens seit Eberhard Jäckel mit einem Artikel in der Zeit 1992 eine deftige Kontroverse ausgelöst hat.

Sein berühmter erster Absatz lautete: "Das Merkwürdigste an jener viel genannten Zusammenkunft, die erst nach dem Kriege die Bezeichnung Wannsee-Konferenz erhielt, ist, dass man nicht weiß, warum sie stattgefunden hat. Die in der Öffentlichkeit noch immer verbreitetste Erklärung, es sei dabei die Endlösung der Judenfrage, also der Mord an den europäischen Juden, beschlossen worden, ist mit Sicherheit auch die unzutreffendste."

Das ist heute Stand der Forschung. Aber es gibt nun mal dieses von Adolf Eichmann abgefasste Protokoll - eines der wenigen offiziellen Dokumente, das sich mit dem Holocaust befasst und nur durch einen Zufall den Krieg überdauerte.

Das Rätsel um Herschel Grynszpan

Die Nazis nutzten das Attentat eines jungen Juden als Vorwand für die Pogromnacht 1938. Angeblich starb er im KZ - doch gibt es eine neue Spur in Wien. Von Benjamin Moscovici mehr ...

Nun zum bevorstehenden 75. Jahrestag der Konferenz hat sich Peter Longerich das Protokoll erneut vorgenommen und eine neu nuancierte Interpretation vorgelegt. Der renommierte Historiker kann sich dabei auf eine große Fülle eigener Vorarbeiten stützen, etwa seine Studie "Politik der Vernichtung" (1998) oder die Biografie über Heinrich Himmler (2008).

Millionen Juden sollten "straßenbauend" in die Sowjetunion getrieben werden

Anders als in diesen Monografien hat er nun in dem schmalen Band über die Wannsee-Konferenz ein rivalisierendes Verhältnis zwischen Reinhard Heydrich, dem Chef des Reichssicherheitshauptamts und Organisator der Besprechung, und seinem Chef Himmler, dem Reichsführer SS, als Triebfeder der Ereignisse herausgearbeitet.

Gekonnt und mit viel Detailwissen führt Longerich den Leser in die dunkle Welt monströser Mordabsichten mitten im Zweiten Weltkrieg. In aller Nüchternheit wird die Judenpolitik des NS-Staats seit 1933 aufgeblättert und noch mal klargestellt: Der Mord an den europäischen Juden hatte längst begonnen, als Heydrich mit 14 Männern der Ministerialbürokratie, der SS und der Partei zusammensaß und die "Endlösung der Judenfrage" diskutierte.

In der Sowjetunion waren bereits Hunderttausende erschossen worden, es gab erste Deportationen aus Westeuropa ins Generalgouvernement, und in Chelmno wurden Juden in sogenannten Gaswagen ermordet. Was es aber bisher nicht gab, war der eine "Gesamtplan". Und den wollte nun Heydrich präsentieren, um auf diesem für die NS-Politik so wichtigen Betätigungsfeld in die Offensive zu kommen - vorbei an seinem Vorgesetzten Himmler, so Longerich.

Täter und Opfer des KZ Auschwitz

mehr...

Heydrichs Idee basierte auf einem 1941 ausgearbeiteten Entwurf, der von Reichsmarschall Hermann Göring abgesegnet worden war. Er sah die Deportation der europäischen Juden in des Gebiet der Sowjetunion vor - nach dem in Kürze zu erwartenden Sieg über Stalins Armeen. "Elf Millionen" Juden sollten von diesem mörderischen Plan betroffen sein. Sie sollten "straßenbauend" Richtung Osten getrieben werden, "wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird (. . .) entsprechend behandelt werden müssen."

Heydrich war nach der Besprechung offenbar recht zufrieden mit sich, niemand hatte seine Kompetenz in dieser Frage angezweifelt - das Protokoll vermerkt seine "Bestellung zum Beauftragten für die Vorbereitung der Endlösung" -, doch die Realität sah längst anders aus. Die Massentötungen im besetzten Polen hatten unter diversen SS-Führern längst begonnen und wurde beinahe täglich intensiviert. Im Protokoll wird hier beschönigend von "Ausweichmöglichkeiten" gesprochen.