Griechenland Wie Deutschland sein Image verbessern kann

Protest vor dem Kanzleramt: Eine Aktivistin vom Forum Griechenlandhilfe hält eine griechische Fahne hoch. Sie protestiert gegen das Sparpaket.

(Foto: dpa)
  • Schuld an der europäischen Wut auf Deutschland ist auch die Bundesregierung, sagen Experten.
  • Berlin brauche endlich eine überzeugende Strategie, um mit Bürgern anderer Länder in Kontakt zu treten.
  • Die Kanzlerin soll Krisenländer besuchen - und für die deutsche Sicht werben, so eine Empfehlung.
Von Yannick Nock

Es ist nicht lange her, da rief Europa nach deutscher Führung. Merkel muss in der Krise Verantwortung übernehmen, sie muss Mut beweisen, hieß es aus vielen Ländern Europas. Stellvertretend für diese Haltung stand der damalige polnische Außenminister Radosław Sikorski: "Ich fürchte nicht die deutsche Macht, sondern die deutsche Untätigkeit", sagte er 2011.

Von diesen Stimmen, sind kaum welche übrig geblieben. Nach der Einigung von Brüssel verurteilt ein Großteil der internationalen Presse die Sparauflagen für Athen. "Die größte Bedrohung Europas sind nicht Terroristen, Europaskeptiker oder Populisten - es ist Schäuble", schrieb die portugiesische Tageszeitung Público. Ein globaler Protest schwappte über Twitter: #ThisIsACoup - das ist ein Staatsstreich. Menschen aus ganz Europa rufen zum Boykott gegen Deutschland auf #BoycottGermany. Die Geister der Vergangenheit sind mit aller Wucht zurückgekehrt.

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Doch die Wut auf Deutschland beruht nicht alleine auf der Historie. "Am ramponierten Image ist auch die Bundesregierung schuld", sagt Europa-Experte Roderick Parkes, der bis 2012 das Brüsseler Büro der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) leitete. "Die Politiker denken, dass sich Europäer untereinander kennen und verstehen", sagt er. "Doch das tun wir nicht." Die kulturellen und politischen Unterschiede seien viel zu groß. Deshalb müsse die Bundesregierung die sogenannte Public Diplomacy stärken.

"Berlin muss endlich eine überzeugende Strategie entwickeln"

Public Diplomacy zielt auf einen Austausch zwischen einem Staat und der Bevölkerung eines anderen Landes. Sei es über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter oder über Beiträge in Zeitungen. Auch Staatsbesuche zählen dazu, genauso wie Botschafter, die im Ausland für Verständnis werben.

Almut Möller, Leiterin des Alfred von Oppenheim-Zentrums für Europäische Zukunftsfragen, weist seit Beginn der Schuldenkrise auf die Bedeutung hin: "Berlin muss endlich eine überzeugende Public Diplomacy gegenüber den von der Krise betroffenen Länder entwickeln", sagt Möller. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass Deutschland kein Interesse an einer Debatte habe und nur seine eigene Position im Europäischen Rat durchbringen wolle - hinter verschlossenen Türen.

"Warum ist die Bundeskanzlerin nicht öfter in Krisenländer gereist?"

Möller schlägt vor, dass die Regierung offensiver an Meinungsführer in Medien und Think-Tanks in der EU herantritt, um ihre Haltung im Schuldenstreit zu begründen und sich der Kritik zu stellen. "Warum sind Vertreter der Regierung oder gar die Bundeskanzlerin nicht öfter in Länder gereist, die unter der Krise besonders leiden?", fragt Möller. "Wo bleiben sichtbare Gesten der Unterstützung beim schwierigen Reformprozess?" Die Regierung wisse um die Notwendigkeit der Public Diplomacy. Doch es brauche größere Anstrengungen, speziell durch Spitzenpolitiker.

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Europa bestehe nicht mehr nur aus den Verhandlungszimmern in Brüssel. "Es gibt eine europäische Öffentlichkeit, an die sich die Bundesregierung wenden muss", fordert Möller. Ansonsten rückten mehr und mehr Länder von der Idee eines geeinten Europas ab.

Sauna-Diplomatie war einmal

Hinzu kommt, dass sich die Beziehungen zwischen den europäischen Diplomaten abgekühlt haben, sagt Europa-Kenner Parkes. Intime Sauna-Diplomatie, wie sie einst Helmut Kohl betrieb, gibt es in Brüssel nicht mehr. "Das Zwischenmenschliche kommt nach den vielen Krisensitzungen zu kurz", sagt Parkes.

Wie effizient der gelegentliche Schulterklopfer und Public Diplomacy sein können, ist allerdings umstritten. "Ein Lächeln oder eine nette Geste ändert nichts", sagt der Schweizer Politologe und Autor Dieter Freiburghaus. Entscheidend sei die Authentizität der Kanzlerin - und Merkel sei authentisch. Die Schlagzeilen der Presse und die Shitstorms in den sozialen Medien würden kein echtes Bild Europas vermitteln. Länder wie Finnland, die Niederlande oder Österreich seien froh, sich hinter dem breiten Rücken der Kanzlerin verstecken zu können. Für Deutschland gelte im medialen Gewitter deshalb: Regenmantel anziehen und die Anfeindungen abperlen lassen. "Man kann keine schwierigen Entscheidungen fällen und auch noch geliebt werden", sagt Freiburghaus.

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