Google Hangout mit Angela Merkel Abhängen mit der Kanzlerin

Kanzlerin Angela Merkel: Abhängen im Internet

(Foto: AFP)

Vorbild Obama: Die Bundeskanzlerin gibt sich fortschrittlich und lädt zur Sprechstunde bei Google. Sechs ausgewählte Bürger dürfen mitmachen. Einer bekommt von der Kanzlerin Technik-Tipps.

Von Pascal Paukner

Ein wenig verdutzt schaut Ismail Öner schon drein, als ihm die Bundeskanzlerin sagte, er möge mal nach dem roten Knopf schauen. 27 Minuten waren da vergangen. 27 Minuten in denen Öner schweigen muss, weil irgendetwas mit seinem Mikrofon nicht stimmt. Der Jugendsozialarbeiter aus Berlin-Spandau ist einer von sechs Bürgern, die am Freitagabend Zeugen eines - wenn man so will - historischen Experiments werden: Die Bundeskanzlerin trifft sich mit Bürgern zum Plauderstündchen, live und im Internet.

"Hangout" heißt dieser Videochat-Dienst des Internetunternehmens Google. Bis zu zehn Personen können damit gleichzeitig miteinander ins Gespräch kommen, Unterhaltungen können aufgezeichnet und später auf Youtube nachgesehen werden. Obama hat diese Form des Bürgerdialogs im amerikanischen Wahlkampf ausprobiert. Jetzt ist sie auch in der deutschen Politik angekommen. Angela Merkel gibt die Internetvorkämpferin.

Das Medium ist dabei die Botschaft. "To hang out", das bedeutet auf Deutsch "abhängen". Die Kanzlerin, die in den Medien gerne als eisern, kühl und unnahbar dargestellt wird, spricht nicht nur zu den Bürgern. Sie hört nicht nur zu. Nein, sie hängt mit ihnen ab. So war das geplant. So sollte das Sympathien wecken.

Kinderspiel für die Kanzlerin

Was im Hangout dann tatsächlich geschieht, ist allerdings weniger spektakulär. Ein Kinderspiel für die Kanzlerin. Ein Erlebnis für die beteiligten Bürger. Alle sechs engagieren sich in Deutschland für die Integration von Migranten. Sie kämpfen gegen Vorurteile. Oftmals aber auch gegen die Bürokratie. Darum geht es dann auch. Ob man nicht die Vorrangigkeitsprüfung für Asylbewerber abschaffen könne, will beispielsweise Sigrid Nahs aus Bremervörde wissen. Sie hilft seit 16 Jahren Migrantinnen, Aufenthaltsgenehmigungs- und Arbeitsgenehmigungsverfahren zu durchlaufen und Wohnungen zu finden.

"Auf die Vorrangprüfung völlig zu verzichten, das sehe ich nicht", sagt Merkel. "Denn wir haben natürlich auch drei Millionen Arbeitslose hier bei uns." Aber sie wolle "das hier zum Anlass nehmen", nochmal mit der Bundesgentur für Arbeit und Arbeitsministerin von der Leyen zu sprechen, um zu sehen, "ob wir hier noch etwas vereinfachen können, im Sinne der Menschen". Denn schließlich sei der Status des Asylbewerbers ja auch kein einfacher Status.

Nun müsste man die Kanzlerin eigentlich fragen, warum sie sich dann beispielsweise nicht längst für die Abschaffung der unsäglichen Residenzpflicht einsetzt, die Asylbewerbern unnötig das Leben erschwert. Sigrid Nahs stattdessen gibt sich mit der unverbindlichen Aussage der Bundeskanzlerin zufrieden und sagt: "Das würde mich sehr freuen für diese Menschen." Der Bürgerin kann man das nicht vorwerfen. Sie ist kein Medienprofi.

Merkel hingegen schon. Und darin sehen viele eine Gefahr. Sie hatte noch nicht einen Satz in den Computer gesprochen, da gab es bereits eine Debatte darüber, ob sie das überhaupt darf. Einfach so ins Internet senden, ohne zuvor eine Rundfunklizenz einzuholen. Da könnte ja jeder kommen und einen Staatsfunk betreiben. Drohen der Bundesrepublik italienische Verhältnisse?

Kein Staatsfunk

Nein, sagte die zuständige Behörde nach Prüfung der Angelegenheit. Das sei kein Rundfunk. Und tatsächlich ist die Hangout-Plauderei auch viel zu harmlos. Mitunter ringt sich Merkel während der einstündigen Unterhaltung sogar zu etwas Selbstkritik durch. Dann gibt sie etwa zu, dass die deutsche Politik in der Vergangenheit beim Thema Integration vieles verschlafen habe. Merkel ist keine Blenderin. Wäre in ein paar Monaten nicht Bundestagswahl, man könnte fast glauben, was Regierungssprecher Steffen Seibert im Vorfeld der Veranstaltung sagte: Mit Wahlkampfstrategie habe der Google Hangout nichts zu tun.

Es ist ja auch nichts Neues, dass sich Merkel mit Bürgern unterhält. Als Parteivorsitzende der CDU hat sie im vergangenen Jahr eine ganze Reihe von Regionalkonferenzen abgehalten. Seit einigen Wochen befindet sich Merkel auf deutschlandweiter Demografiereise. Zwischen Mai 2011 und Juli 2012 veranstaltete das Kanzleramt mehrere Bürgerdialoge. Die Kanzlerin, die in den Medien gerne als eisern, kühl und unnahbar dargestellt wird, spricht nicht nur zu den Bürgern, sie hört sogar zu. Daran hatte niemand etwas auszusetzen.

Auch nicht Ismail Öner. Nach 50 Minuten haben die Techniker seinen Computer so weit, dass er endlich reden kann. "Ich hoffe, Sie hö...", sagt er. "Absolut", sagt die Kanzlerin. Na dann.