Gipfel in Singapur Trump und Kim sind zum Erfolg verdammt

Heiße Sache: Das Treffen von Trump und Kim elektrisiert die politische Welt - und in Singapur sogar die Werbeabteilung eines Suppenherstellers.

(Foto: AFP)
  • Das bevorstehende Treffen zwischen Kim und Trump weckt Erinnerungen an das Jahr 1986, als US-Präsident Reagan Kreml-Chef Michail Gorbatschow traf. Trotz extrem schwieriger Beziehungen wollen Nordkorea und die USA ihr Verhältnis verbessern.
  • Das Machtgefälle zwischen den USA und Nordkorea ist allerdings viel größer als damals zwischen den USA und der Sowjetunion.
  • Als Ergebnis könnte eine Denuklearisierung Nordkoreas stehen - ausgerechnet in einer Zeit, in der die Vision von einer atomwaffenfreien Welt in weite Ferne gerückt ist.
Von Tobias Matern

Der US-Präsident sprach vom "Reich des Bösen", Raketen und Bomben waren auf seine Städte gerichtet. Feindselig belauerten sich die Mächte. Doch plötzlich saßen der Präsident und der mächtige Führer der anderen Seite an einem Tisch, auf den Klippen von Reykjavík. 32 Jahre sind seit dem Treffen Ronald Reagans mit dem Sowjet-Staatschef Michail Gorbatschow vergangen. Nun wird es wieder eine Szene dieser Art geben, wenn Präsident Donald Trump dem koreanischen Machthaber Kim Jong-un die Hand reicht.

Alles sei bereit für den Gipfel, versicherte der US-Präsident. Trump stellte sogar in Aussicht, Kim in die USA einzuladen, sollte das Treffen gut verlaufen.

Als Reagan und Gorbatschow ihre Verhandlungen begannen, war der Kalte Krieg zwischen Moskau und Washington noch lange nicht zu Ende. Aber in der isländischen Hauptstadt haben sie die Grundlage für das Verbot von Kurz- und Mittelstreckenraketen gelegt - der INF-Vertrag wurde zum Meilenstein der nuklearen Rüstungskontrolle.

Eine Parallele zur heutigen Zeit liegt auf der Hand: Trump und Kim haben sich vor gar nicht langer Zeit noch massiv beschimpft, sich als "Raketenmann" und "seniler Mensch" verspottet. Es stellt sich also die Frage, ob das anstehende Treffen in Singapur ebenfalls das Zeug zum historischen Augenblick hat.

Der US-Politologe Karl Mueller sieht zumindest eine Ähnlichkeit: Trump und Kim treffen sich, schon das ist bemerkenswert. Auch in Island seien beide Seiten trotz schwieriger Vorbedingungen mit dem Ziel in die Verhandlungen gegangen, die Beziehungen zu verbessern. Während "des Treffens wurde dann tatsächlich ein einschneidender Abbau von Atomwaffen besprochen", sagt Mueller, der für die Brookings Institution arbeitet, eine Denkfabrik in Washington.

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Das Machtgefälle ist grotesk groß zwischen dem Präsidenten und dem Diktator

Doch die Analogie Reykjavík-Singapur taugt nur bis zu einem gewissen Punkt. Saßen sich in Island damals die Anführer zweier Machtblöcke mit vergleichbarem Droharsenal gegenüber, kommt nun nur Trump als Anführer einer Supermacht, Kim hingegen als Staatschef eines isolierten Landes an den Verhandlungstisch. Das Machtgefälle ist grotesk groß. Galt es bislang als ausgemacht, dass Kim die Atomwaffen vor allem als strategisches Mittel nutzt, um das Überleben seines Regimes zu sichern, so scheint er sie im Gespräch mit dem US-Präsidenten als Verhandlungsmasse einsetzen zu wollen, um den Sanktionsdruck zu lindern.

Analysten wie Michael Mazarr, der für die Denkfabrik Rand Corporation arbeitet, sehen dem Singapur-Treffen mit gemischten Gefühlen entgegen. Erfolg sei geradezu Pflicht. Scheitern die Gespräche, könnten die Spannungen in Korea eskalieren, meint Mazarr. Nach der wechselseitigen Drohung mit dem Einsatz von Nuklearwaffen im vergangenen Jahr stiege die Gefahr einer bewaffneten Auseinandersetzung schnell wieder, sollten Trump und Kim aneinandergeraten. Im anderen Extrem könnte, so Mazarr, das Treffen aber auch "Prinzipien für eine Denuklearisierung" Nordkoreas produzieren.

Der Gipfel fällt in eine Zeit, in der sich die internationale Staatengemeinschaft von dem Ziel "Global Zero" - also einer Welt ohne Atomwaffen - auf lange Sicht verabschiedet hat. In den vergangenen Jahren waren zwei Entwicklungen zu beobachten: Die Atomwaffenstaaten halten nicht nur an ihren Arsenalen fest, sondern modernisieren sie sogar. Das Prinzip der Abschreckung, ein Konzept aus dem Kalten Krieg, erlebt eine Renaissance.

Entwicklung Nummer zwei: Im vergangenen Jahr haben 123 Staaten einen Vertrag für ein komplettes Verbot von Atomwaffen verhandelt. Allerdings gehört kein einziger Nuklearwaffenstaat und auch kein Verbündeter wie etwa Deutschland zu den Unterzeichnern. Die Welt teilt sich also grob gesagt in zwei Lager: auf der einen Seite Staaten, die glauben, dass die furchteinflößende Existenz von Atomwaffen Konflikte verhindere. Auf der anderen Seite Staaten, die in Atomwaffen eine so massive Bedrohung sehen, dass nur deren vollständige Abschaffung Sicherheit bringe.

Das Motiv für die radikale Abschaffungsbewegung war simpel: Die Gegner waren es leid, dass die Atomwaffen-Besitzer sich nicht an ihren Teil der Verpflichtung aus dem Atomwaffensperrvertrag halten und ernsthafte Abrüstungsbemühungen betreiben, während sich die atomwaffenfreien Staaten verpflichten, den Besitz gar nicht erst anzustreben.

Beatrice Fihn, Chefin der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten "Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen" (Ican), blickt mit einer gewissen Vorsicht auf Singapur: "Wenn der Gipfel nur daraus besteht, dass zwei Männer an einem Tisch verhandeln, wird das Treffen dasselbe Schicksal ereilen wie frühere Versuche, die Koreakrise zu lösen", sagte sie der SZ. Entscheidend werde es sein, das Gesprächsformat schnell um weitere Nationen zu erweitern.

Das sieht Oliver Meier, Abrüstungsexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), genauso. Für Trump werde es darauf ankommen, Vereinbarungen, die in Singapur getroffen werden, mit Südkorea und China zu koordinieren, "damit sie einen Abrüstungsprozess in Form und Inhalt mittragen und unterstützen". Das bisherige Verhalten der US-Regierung gegenüber ihren Verbündeten "lässt aber Zweifel aufkommen, ob Trump diesen Balanceakt hinreichend gut beherrscht".

Aus technischer Sicht wäre eine Denuklearisierung Nordkoreas jedenfalls kein großes Problem, wie Yukiya Amano, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), kürzlich in der SZ beschrieben hat. Alles komme darauf an, wie umfassend ein politischer Deal zwischen Trump und Kim ausfalle, so er denn zustande komme. Falls die IAEA-Inspektoren ein Mandat erhielten, sei es "keine Angelegenheit von Monaten, sondern von Wochen", bis sie ihre Arbeit in Nordkorea aufnehmen könnten.

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