Was Mitt Romney wirklich über Obama-Wähler denkt

Geheimvideo bringt Republikaner in Bedrängnis /
Von Matthias Kolb, Washington
/ Veröffentlicht am , im US-Wahlblog

Die Aufnahme ist unscharf, immer wieder läuft ein Kellner vor die Kamera, doch die Stimme des Redners ist unverkennbar. Bei einem Abendessen vor Spendern erläutert Mitt Romney, der für die Republikaner ins Weiße Haus einziehen will, in aller Klarheit, was er über die Anhänger von US-Präsident Obama denkt: "47 Prozent werden sowieso für ihn stimmen. Es gibt 47 Prozent aller Amerikaner, die seine Fans sind. Sie sind von der Regierung abhängig, sie sehen sich als Opfer und sind davon überzeugt, dass sie ein Recht auf Krankenversicherung, Unterkunft und Essen haben. Es sind die Leute, die keine Einkommensteuer zahlen."

Das 67 Sekunden lange Video ist einer von fünf Clips, die das linksliberale Magazin Mother Jones am Montag auf seine Website stellte. Seither kennt die Politszene in Washington kein anderes Thema, im Sekundentakt werden spöttische Tweets verschickt. Bis kurz vor Mitternacht Ortszeit war der Text 32.000 Mal auf Facebook und 15.000 Mal via Twitter empfohlen worden. In dem Video erklärt Romney, es sei nicht seine Aufgabe, sich um diese Leute zu sorgen: "Ich werde sie nie überzeugen können, dass sie persönliche Verantwortung übernehmen und sich um ihr Leben kümmern." Er müsse jedoch versuchen, die für den Sieg nötige kleine Gruppe der Wechselwähler zu überzeugen.

Romney ist sich selbst der größte Feind

Eines steht fest: In den kommenden Tagen werden die US-Medien eifrig über die abfälligen Worte des Multimillionärs berichten und Romney wird sieben Wochen vor der Wahl wertvolle Zeit verlieren, um Obama für dessen Wirtschaftspolitik und die hohe Arbeitslosigkeit zu kritisieren. Dabei hatten seine Berater erst am Montagvormittag erklärt, mit einer neuen Strategie den Rückstand in wichtigen swing states aufholen zu wollen.

Nicht zum ersten Mal ist sich der 65-Jährige selbst der größte Feind und bringt mit unüberlegten Aussagen seine Kampagne ins Trudeln: Nach der Vorwahl in Florida hatte er Anfang Februar erklärt, er sorge sich nicht um die Armen und erst kürzlich war der Ex-Gouverneur auch aus den eigenen Reihen für seine wenig staatsmännischen Kommentare zu den antiamerikanischen Protesten in Nahost kritisiert worden.

Steilvorlage der Videos

David Corn hat in seinem Artikel zunächst geschrieben, der Auftritt habe stattgefunden, nachdem sich Romney in den Vorwahlen gegen Rick Santorum durchgesetzt hatte. Weitere Details nannte der Mother-Jones-Autor nicht, um die Identität der Quelle zu schützen. Deswegen wurden die wahrscheinlich mit einem Smartphone gemachten Aufnahmen auch verfremdet, nur der mit einem Kreis versehene Kopf Romneys ist einigermaßen scharf. Am Abend sagte Corn in der "Rachel Maddow Show" auf MSNBC, die Aufnahme sei in der Villa des Finanzinvestors Marc Leder in Florida am 17. Mai gemacht worden. Jeder Gast habe 50.000 Dollar für die Teilnahme bezahlt - und Corn kündigte an, dass bald weitere Teile der Rede ins Netz gestellt würden.

Die Steilvorlage der Videos ließ sich Jim Messina nicht entgehen: In einer Erklärung, die an 19 Millionen Obama-Follower bei Twitter verschickt wurde, donnerte der Wahlkampfdirektor des Demokraten: "Es ist schwer, Präsident aller Amerikaner zu sein, wenn man die Hälfte der Nation verächtlich abschreibt." US-Medien wie die New York Times, Politico oder ABC News weisen zwar darauf hin, dass sie die Echtheit der Videos nicht überprüfen können, doch wirkliche Zweifel äußert niemand - dafür hat Mother Jones genug Exklusivstorys veröffentlicht.