Gedenken an Befreiung des KZ Dachau Merkel würdigt Engagement der Überlebenden

Als erste deutsche Regierungschefin kommt Angela Merkel zur Gedenkfeier ins Konzentrationslager Dachau.

(Foto: dpa)
  • 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau spricht Kanzlerin Merkel als erste amtierende Regierungschefin auf der Gedenkfeier. Sie würdigt die Tätigkeit der Überlebenden.
  • Drei der Überlebenden erinnern in ergreifenden Reden an den Tag der Befreiung - aber auch an die Menschen, die ihn nicht mehr erleben konnten.
  • Ein US-Veteran schildert, was ihn an diesem Tag besonders beeindruckte.
  • Das Konzentrationslager Dachau wurde am 29. April 1945 von US-Truppen befreit. Die Soldaten stießen auf 30 000 Überlebende. In den zwölf Jahren seines Bestehens kamen in dem Lager Zehntausende Menschen ums Leben.

Merkel dankt den KZ-Überlebenden

70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau würdigte Kanzlerin Angela Merkel bei der Gedenkfeier die Überlebenden. Es bewege sie sehr, dass so viele von ihnen zur Gedenkfeier gekommen sind. "Es ist ein großes Glück, dass Menschen wie Sie bereit sind, uns Ihre Lebensgeschichte zu erzählen", sagte Merkel.

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Das furchtbare Leid, das diese Menschen erfahren hätten, entziehe sich dem Vorstellungsvermögen. Die Berichte der Überlebenden machten es gerade jungen Menschen möglich, "nackte Zahlen und Daten mit Gesichtern und Namen und einzelnen Lebenswegen zu verbinden".

Merkel erinnerte an die mehr als 200 000 Menschen, die im KZ Dachau oder einem seiner Außenlager verfolgt, gequält und getötet wurden, "weil sie anders dachten, anders glaubten, anders lebten, als es der Ideologie des Nationalsozialismus entsprach, oder einfach nur, weil es sie gab".

Auch heute könne man die Augen nicht davor verschließen, dass Synagogen und jüdische Schulen nicht ohne massiven Polizeischutz auskommen und Rabbiner auf offener Straße angegriffen werden, sagte Merkel weiter. Die Kanzlerin betonte: Für Antisemitimus sei kein Platz in der Gesellschaft, er müsse mit der ganzen Konsequenz rechtsstaatlicher Mittel bekämpft werden. "Das ist unsere staatliche und bürgerliche Pflicht. Das sind wir Opfern, Überlebenden, uns allen schuldig", sagte Merkel.

Mit Merkel hielt erstmals eine amtierende Bundeskanzlerin auf einer Gedenkfeier der KZ-Gedenkstätte Dachau eine Rede.

Überlebende sprechen über den Tag der Befreiung

Zuvor hatten drei Überlebende in ergreifenden Reden über die Befreiung gesprochen. Jean Samuel aus Frankreich sagte, es sei der schönste Tag seines Lebens gewesen, als er erkannte, "dass der Albtraum zuende war".

Die letzten Zeugen

Sie waren noch Kinder, als die Nazis sie ins Konzentrationslager Dachau verschleppten. Zehn Überlebende berichten. mehr ...

Der 90 Jahre alte, tschechische Überlebende Vladimír Feierabend berichtete, wie die Häftlinge endlich wieder frei atmen konnten, wie sie von bloßen Nummern wieder zu Menschen wurden - und wie er in Prag wieder mit seiner Familie zusammenkam: "Es ist ja so ein Wunder."

Abba Naor aus Israel erinnerte daran, dass die Befreiung für viele zu spät kam. In einer hochemotionalen Rede brachte er die vielen jüdischen Kinder zur Sprache, die von den Nazis ermordet wurden, unter ihnen auch seine beiden Brüder. "Ihre Agonie dauert bis ans Ende aller Tage", sagte Naor, der zwei seiner insgesamt acht Urenkel mit aufs Podium brachte.

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Mit 14 ins KZ Dachau, zwei Todesmärsche überlebt und am 29. April 1945 von US-Truppen befreit. Andrej Korczak Branecki erzählt seine Geschichte. Protokoll: Lars Langenau mehr ... Serie "ÜberLeben"

Insgesamt kamen 138 ehemalige Häftlinge aus 20 Ländern zur Gedenkfeier, die den NS-Terror im Lager Dachau überlebt hatten.

US-Veteran erinnert an Befreiung

Unter den Gästen befanden sich auch sechs US-Veteranen, die am 29. April 1945 das Lager mit befreiten. Der spätere US-Botschafter Alan Lukens sagte, es sei damals ein Schock gewesen zu sehen, was die Häftlinge zu erdulden hatten. Er werde niemals vergessen, wie überwältigt die US-Soldaten gewesen seien, als die Häftlinge sie umarmten und eine amerikanische Flagge herausholten, die sie versteckt hatten.

Zentralratspräsident mahnt Toleranz und Respekt an

Früher am Tag hatte Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden gesagt, die Erinnerungen der Überlebenden des Holocaust seien "heute kostbarer denn je". Das Geschehen rücke in immer weitere Ferne, für viele junge Menschen seien der NS-Terror und die Shoa "nur noch geschichtliche Daten" ohne persönlichen Bezug: "Die Distanz wächst und die Empathie sinkt - nicht jedoch, wenn man diesen Ort betritt."

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Auf "wachsende Sorgen und Zweifel" der jüdischen Gemeinde in der Gegenwart wies Charlotte Knobloch hin, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinden München und Oberbayern.

Hintergrund zum KZ Dachau

Das Konzentrationslager Dachau war das erste große, dauerhaft angelegte KZ der Nazis. Es wurde zum Modell für die vielen später errichteten Lager. In den zwölf Jahren seines Bestehens waren dort mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert, viele von ihnen politische Häftlinge.

Als die US-Soldaten das Lager Dachau am 29. April 1945 befreiten, fanden sie mehr als 30 000 Häftlinge vor, die unter katastrophalen Bedinungen in dem Lager zusammengepfercht worden waren. Nach Angaben der Gedenkstätte kamen nachweisbar mindestens 32 000 Menschen in Dachau ums Leben, doch vermutlich waren es Tausende mehr. Oft wird die Zahl von 41 500 Menschen genannt.