Gauck am Tag der Deutschen Einheit Lasst sie alle Deutsche sein

Bundespräsident Joachim Gauck im August beim Besuch einer Flüchtlingsunterkunft.

(Foto: AFP)

Gauck sagt, es ist möglich: Alle können Deutsche sein. Ob Thüringer, Hessen, Türken oder Syrer. Es wäre ein anderes, ein besseres Deutschland.

Ein Kommentar von Thorsten Denkler

Millionen Flüchtlinge an der ungarisch-österreichischen Grenze. Alle mit dem gleichen Ziel: die Bundesrepublik Deutschland. So war das in den Monaten vor dem Fall der Mauer. Damals, im Wende-Herbst 1989. Joachim Gauck war nicht unter den Flüchtenden. Er blieb in der DDR, engagierte sich als Bürgerrechtler. Heute ist er Bundespräsident und hält in Frankfurt die Festrede zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit. Eine Festrede zu einem Zeitpunkt, der später mal als der Beginn großer Veränderungen beschrieben werden wird.

Denn wieder stehen Flüchtlinge an Europas Grenzen. Und wieder wollen sie - wenn auch nicht alle - nach Deutschland. In das Land, das Freiheit und Demokratie verspricht.

Es ist ein Glücksfall der Geschichte, dass einer wie Gauck heute Bundespräsident ist und diese Rede halten kann. Einer, der den Zusammenbruch eines politischen Systems, einer gesamten Werte-Ordnung erfahren hat. Und den Neuaufbau dieser Ordnung in einer demokratischen Gesellschaft. Der anders als viele Menschen im Westen den Wert der Freiheit auf besondere Weise zu schätzen weiß.

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Vielleicht kann er deshalb besser über die neuen Flüchtlinge sprechen, die aus so anderen Gründen und mit so anderen kulturellen Hintergründen nach Deutschland kommen, als jene, die damals der DDR den Rücken zukehrten.

Willy Brandt hat recht behalten mit seinem Satz: Es wächst zusammen, was zusammengehört, findet Gauck. "Doch anders als damals soll nun zusammenwachsen, was bisher nicht zusammen gehörte."

Der Satz könnte einem Angst machen. Die Probleme der Deutschen Einheit waren immens. Wer das damals geahnt hätte, der hätte den Mut verlieren können. Die Aufgabe, Millionen Flüchtlinge zu integrieren, könnte eine noch größere Aufgabe werden. Wieder mit Unterschieden in Ost und West. Westdeutschland konnte sich über mehrere Jahrzehnte daran gewöhnen, ein Einwanderungsland zu werden - und das war mühsam genug, sagt Gauck. Im Osten aber hatten die Menschen bis 1990 kaum Berührung mit Zuwanderern.

Gauck könnte daraus einen pessimistischen Blick auf die Zukunft ableiten. Aber das Land ist heute ein anderes als zur Zeit des Mauerfalls. "Wenn wir Deutsche uns an die 'Das Boot ist voll'-Debatten vor zwanzig Jahren erinnern, dann erkennen wir, wie stark sich das Denken der meisten Bürger inzwischen verändert hat."

"Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich."

Das Land hat sich verändert, das Denken, der Umgang mit Fremden. Die Zivilgesellschaft erobert sich gerade das Land zurück. Und hilft den Flüchtenden. Hilft, wo es nur geht. Wenn auch nicht überall, nicht in jedem Winkel der Republik. Gauck hat da einen wohltuend realistischen Blick: "Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich."

Er meint das nicht allein finanziell oder organisatorisch. Da kann diese starke Wirtschaftsnation noch einiges mehr verkraften. Es geht ihm um die Fundamente des Zusammenlebens.

Gauck führt keine Debatte um das Geld. Gauck will eine Debatte über Werte. Werte, die Zusammengehörigkeit erst möglich machen, wenn sie von allen gleichermaßen akzeptiert und respektiert werden. Die deutsche Einheit sei so gut gelungen, weil es die Deutschen geschafft hätten, über gemeinsame Werte die "innere Einheit" herzustellen. Mit den Flüchtlingen gelte es "wiederum und neu, die innere Einheit zu erringen".

Dazu stellt er erst mal fest - und das wird konservative Realitätsverweigerer im Land nicht freuen: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Bei über einer Million Flüchtlingen, die für Deutschland erwartet werden, ist jede andere Einschätzung Augenwischerei.

Das bedeutet aber nicht Beliebigkeit, da kann nicht jeder seine Kultur, seine Religion, seine Kultur zum einzig Wahren erklären. "Gerade weil in Deutschland unterschiedliche Kulturen, Religionen und Lebensstile zuhause sind, gerade weil Deutschland immer mehr ein Land der Verschiedenen wird, braucht es die Rückbindung aller an unumstößliche Werte. Einen Kodex, der allgemein als gültig akzeptiert ist."

Wie dieser Kodex aussieht, benennt Gauck exemplarisch und gezielt, weil er viele Flüchtlinge vor Probleme stellen wird. Sie kollidieren geradezu mit Vielem, was sie bisher als wahr angenommen haben. "Hier ist die Würde des Menschen unantastbar", sagt Gauck. "Hier hindern religiöse Bindungen und Prägungen die Menschen nicht daran, die Gesetze des säkularen Staates zu befolgen. Hier werden Errungenschaften wie die Gleichberechtigung der Frau oder homosexueller Menschen nicht infrage gestellt und die unveräußerlichen Rechte des Individuums nicht durch Kollektivnormen eingeschränkt - nicht der Familie, nicht der Volksgruppe, nicht der Religionsgemeinschaft." Es ist die Stelle, an der Gauck den meisten Applaus bekommt.

Gauck gibt damit den Ton vor für diesen 25. Tag der deutschen Einheit. Für die Flüchtlingsdebatte insgesamt.

Es ist ein guter Ton, ein ausgewogener Ton. Einer, der gehört werden sollte. Denn was suchen die Menschen, die auf der Flucht sind? Warum entscheiden sie sich für Deutschland? Das Land verspricht ein "Leben, nach dem gerade auch Menschen auf der Flucht streben. Ein Leben - wie es in unserer Nationalhymne heißt - in Einigkeit. Und Recht. Und Freiheit."

Gauck muss an der Stelle schlucken, er scheint für einen Moment mit den Tränen zu kämpfen. Es geht ihm immer noch nahe, dem gesellschaftlichen Gefängnis DDR entronnen zu sein. Das Geschenk, das Glück der Einheit empfangen zu haben. Einigkeit und Recht und Freiheit. Das sind die Schlussworte seiner Rede.

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Es könnte tatsächlich so einfach sein: Wenn sich die Deutschen darauf besinnen, auf diese Werte, wenn Flüchtlingen diesen Gedanken teilen, dann ist ein anderes, ein besseres, ein reicheres Deutschland möglich. Es braucht Zuversicht, um dieses Ziel zu erreichen. Aber immerhin hat Gauck damit ein Ziel formuliert. Ein Ziel, das über Merkels "Wir-schaffen-das"-Rhetorik hinausgeht.

Er fordert nicht weniger als eine Neuordnung des Nationen-Begriffes auf der Basis des Grundgesetzes. In einer offenen Gesellschaft komme es nicht darauf an, ob diese Gesellschaft "ethnisch homogen" sei, sondern darauf, ob sie eine gemeinsame Wertegrundlage habe. Es komme nicht darauf an, woher jemand stammt, "sondern wohin er gehen will und mit welcher politischen Ordnung er sich identifiziert".

Wenn sich dieser Gedanken festsetzt, dann ist ein gutes Miteinander möglich. Dann können bald alle Deutsche sein. Ob sie aus Hessen, Thüringen, der Türkei oder Syrien stammen. Ein schöneres Willkommen konnte Gauck gar nicht ins Land hinein rufen.

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