G-20-Gipfel in Hamburg Höllen-Nacht in Hamburg

  • Nach dem Abbruch der "Welcome to Hell"-Demo kommt es in ganz Hamburg zu Ausschreitungen mit Dutzenden Verletzten.
  • An vielen kritischen Punkten der Stadt geht die Polizei gegen G-20-Gegner vor, auf St. Pauli spielen sich teils absurde Szenen ab.
  • Demonstranten und Polizei geben sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation.
Von Dominik Fürst und Matthias Kolb, Hamburg

"Peace first" stand auf der Titelseite des Hamburger Abendblatts vom Donnerstag, illustriert war die Ausgabe mit einer großen Friedenstaube von Picasso. Im Begleittext wünschte sich Chefredakteur Lars Haider einen gewaltfreien G-20-Gipfel - und dass gerade die abendliche "Welcome to Hell"-Demo glimpflich abläuft. Vor dieser Veranstaltung, die Radikalität und Unversöhnlichkeit schon im Namen trägt, hatten die Sicherheitsbehörden seit Wochen gewarnt.

Von einem friedlichen Abend und einer ruhigen Nacht konnte dann auch nicht die Rede sein. Die Bilanz am Freitagvormittag: Ausschreitungen mit brennenden Autos und eingeschlagenen Scheiben in der ganzen Stadt mehr als 100 verletzte Polizisten, von denen mindestens drei schwer verletzt im Krankenhaus liegen. Laut Bild-Zeitung wurde die Wohnung von Innensenator Andy Grote attackiert. Mehr als zwei Dutzend G-20-Gegner wurden festgenommen, zur Zahl der Verletzten in ihren Reihen konnten die Aktivisten noch keine genauen Angaben machen.

Schwere Krawalle auf "Welcome to Hell"-Demonstration

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Bevor das Gipfeltreffen offiziell begonnen hat, gehen Bilder um die Welt, die die Bundesregierung und Hamburgs Erster Bürgermeister Scholz eigentlich hatten vermeiden wollen. Die gewaltsamen Zusammenstöße zwischen Polizei und Protestierern - sie werden von "Hamburg 2017" in Erinnerung bleiben.

Von einem "Festival der Demokratie" hatte SPD-Innensenator Grote vorab gesprochen. Das klingt nach den vergangenen Tagen wie Hohn - nicht nur weil von Freitagmorgen an in einer 38 Quadratkilometer großen Sperrzone ein Versammlungsverbot herrscht. Doch über allem steht nun die Frage, die wochenlang debattiert werden wird: Musste das wirklich sein?

Wasserwerfer, Reizgas und der vermummte Schwarze Block

Wie es zur Eskalation kam, ist schnell erzählt. Um 16 Uhr beginnt die Auftakt-Kundgebung der "Welcome to Hell"-Demo am Fischmarkt mit Reden und viel Musik. "System Change, no Climate Change" ist die Aufschrift eines typischen Plakats. Hier marschieren jene, die das kapitalistische System grundsätzlich ablehnen. Von 19 Uhr an sollte es über die Landungsbrücken und die Reeperbahn durch die Stadt gehen - bis zum Sievekingplatz, 300 Meter entfernt von den Messehallen, wo sich die Staats- und Regierungschefs der G20 treffen werden.

Doch der Protestzug mit dem Lkw, auf dessen Windschutzscheibe "We are fucking angry" steht, kommt nur 150 Meter weit. Er passiert das verbarrikadierte Restaurant "Fischerhaus". Vor der ersten Brücke stoppen ihn vier Wasserwerfer und zwei gepanzerte Wagen der Polizei. Diese begründet diesen Schritt mit den etwa 1000 vermummten Demonstranten. In einer Menschenmenge sei diese Art von Kleidung "ein Verstoß gegen das Versammlungsgesetz" und werde nicht geduldet.

Eine knappe Stunde tut sich gar nichts, dann stürmen plötzlich Polizisten von der Seite in die Demo. "Shame on you, shame on you", ruft ein Organisator, als sich Dutzende aus dem Schwarzen Block am Geländer hochziehen. Vom Gehweg aus werfen sie Flaschen, Stangen und Bengalos.

Die Polizei setzt neben Wasserwerfern auch Reizgas ein, das auch die vielen Schaulustigen zum Husten bringt. Über die "Höllen-Demo" ist im Voraus so viel berichtet worden, dass viele Menschen Erinnerungsfotos machen wollen. Wie zum Beweis: Wir waren auch dabei. Die Stimmung ist klar pro Demonstranten. "Haut ab, haut ab" und "Pfui" schallt es aus Hunderten Kehlen, als die Polizei durchgreift. Viele Passanten sind überrascht, wie schnell alles kippt: Lange herrscht im "Park Fiction" entspannte Party-Stimmung, bei Sonnenschein wird Bier getrunken, gegrillt oder Basketball gespielt. Mitten in der Menge steht eine Einheit des Unterstützungskommandos (USK) aus Bayern - unter Plastikpalmen und vor einem Plakat "Für die Reichen über Leichen". Die Zahl der Selfies, die mit den Spezialkräften geschossen werden, dürfte locker vierstellig sein.

Katz-und-Maus-Spiel im Linken-Viertel St. Pauli

Doch plötzlich laufen schwarz gekleidete und oftmals vermummte Gestalten durch den Park und verschwinden in den engen Straßen in Richtung Reeperbahn und St. Pauli. Durch ihre Kompromisslosigkeit hat die Polizei den Schwarzen Block quasi aussortiert, so dass mehrere Tausend G-20-Kritiker weitermarschieren können. Aus Wut über die Einsatzleitung, die ihr Recht auf Demonstrationsfreiheit eingeschränkt habe, erklären die Organisatoren von "Welcome to Hell" ihre Demo bereits um 20:09 Uhr für beendet.

Doch die Konfrontation zwischen Polizei und Demonstranten ist damit keineswegs beendet. Sie verteilt sich stattdessen auf viele verschiedene kritische Punkte der Stadt. Auf St. Pauli spielen sich teils absurde Szenen ab: Behelmte Polizisten laufen in Zweierreihen durch die Straßen und immer wenn sich an einer Ecke vermummte Demonstranten zeigen, machen die Beamten kehrt und folgen ihnen. Beobachter, die in den Kneipen und Dönerläden rings herum ihr Bier trinken, beobachten das Katz-und-Maus-Spiel amüsiert und schütteln den Kopf, als 25 Einsatzwagen in Kolonne das "St. Pauli Tourist Office" passieren.

Am Neuen Pferdemarkt, wo die Polizei bereits am Dienstagabend mit einem bedrohlichen Aufgebot angerückt war, fahren Einsatzwagen und Wasserwerfer auf. Permanent kreisen Hubschrauber über St. Pauli, Sirenen heulen. Während im Hintergrund beim Grünen Jäger wie schon an den Abenden zuvor ein kleines, lautes Open-Air-Konzert stattfindet, marschieren Hunderte schwarz uniformierte Beamte vorbei und versuchten, die Menschen von der Straße zu treiben: absurde Szenen auch dort.

In der inoffiziellen Hauptstraße des Schanzenviertels, dem Schulterblatt, spitzt sich die Lage dann gegen Mitternacht noch einmal zu. Vor der Roten Flora, dem seit 1989 besetzten ehemaligen Theater, brennen Fahrradständer. Viele Demonstranten haben sich beim linksautonomen Zentrum versammelt. Die Polizei rückt mit ihren Wasserwerfern und Einsatzbussen vor und versucht die Straße zu räumen. Abermals kommt es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Protestierenden. Auch um zwei Uhr früh brennt es nochmals im Schanzenviertel. Es sollte bis tief in die Nacht andauern, bis es halbwegs ruhig wird und die Gesänge der Schaulustigen ebenso verstummen wie die Sirenen der Polizei- und Rettungswagen.