Frauenbild in Iran Männer protestieren in weiblichem Gewand

Ein verurteilter Mann in Iran wird zur Erniedrigung in Frauenkleidern zur Schau gestellt. Doch statt Abschreckung ruft die vermeintliche Bestrafung eine ungewöhnliche Protestaktion hervor: Im Internet ahmen Männer das Beispiel nach - als emanzipatorisches Exempel.

Von Josh Groeneveld

Ein wegen Körperverletzung Verurteilter wird durch die Straßen der iranischen Stadt Marivan im kurdischen Nordwesten des Landes gefahren. Als wäre die öffentliche Zurschaustellung nicht genug, hat ein Richter veranlasst, ihn zusätzlich zu demütigen: Seine Bewacher haben ihm eine rote Tchador, ein traditionell-kurdisches Frauengewand übergezogen, wie auf einem Video zu sehen ist.

"Es ist das erste Mal, dass ein Beschuldigter in Frauenkleidern durch die Straßen geführt wurde, um ihn zu demütigen", analysierte wenige Tage später Saman Rasoulpour, iranischer Journalist und Mitglied der "Organisation zur Verteidigung der Menschenrechte in Kurdistan", im Gespräch mit dem Online-Medienportal Gay Star News.

Sollte es sich tatsächlich um den Versuch gehandelt haben, die Bevölkerung einzuschüchtern, dann darf er als gescheitert bezeichnet werden: Längst ist der Fall ein Politikum, das Aktivisten aus aller Welt auf den Plan gerufen hat.

Hunderte gingen auf die Straße

Bereits einen Tag nach der öffentlichen Vorführung organisierte eine lokale Gruppierung von Feministinnen, die "Marivan Women´s Community", einen Protestmarsch. Hunderte Männer und Frauen hätten an diesem teilgenommen, berichtet der Sender France 24 auf seiner Internetseite. Dies führte offenbar wiederum dazu, dass 17 Mitglieder des iranischen Parlaments einen Brief an das Justizministerium verfassten, in dem sie den Richterspruch als "erniedrigend für Frauen" verurteilen.

Doch damit nicht genug: Auch im Internet regte sich postwendend Widerstand. Auf Facebook fand die Seite "Kurd Men For Equality" 13.000 Unterstützer. Das Motto: "Eine Frau zu sein ist kein Werkzeug zur Erniedrigung oder Bestrafung". Um dies deutlich zu machen, veröffentlichten kurdische Männer auf der Pinnwand der Seite Fotos, auf denen sie traditionelle Frauenkleider tragen.

"Ich bin stolz auf dieses Kleid und diese Frau", schreibt da einer, der sich die Kleidung seiner Mutter angezogen hatte. Ein anderer hat seine Erzeugerin gleich mit auf das Bild genommen. Ein Dritter hofft auf den Tag, "an dem Sexualität und Geschlecht keine Faktoren mehr sind, an denen der Wert eines Menschen gemessen wird." Die meisten Männer, jung und alt, schreiben dagegen schlicht den Leitspruch der Aktion über ihr Foto - auf Persisch oder Englisch, auf Französisch, Italienisch und Deutsch.

Perlen, Lippenstift und Wut

Bereits wenige Tage nach ihrem Beginn erfuhr die iranische Kampagne Unterstützung aus anderen Ländern: Christopher Schwarz, ein junger US-amerikanischer Journalist, zeigte sich in einem Blümchenkleid, Ahmad Rafat, ein in Teheran geborener Londoner in goldbesticktem Gewand und Sores Armanc aus Schweden posiert ganz in rosa. Der Italiener Francesco Paolo Catalano aus Palermo trägt auf einem Bild Perlen und Lippenstift und bedankt sich für den "kulturellen Protest". Der brachte es zwischenzeitlich offenbar sogar bis auf Skandinaviens Straßen: Fotos auf der Facebook-Pinnwand zeugen von Protestgruppen in Stockholm und Norwegen.

Öffentlicher Druck, auf den die iranischen Behörden nach Angaben von "Kurd Men For Equality" inzwischen reagiert haben - wenn auch vor allem mit Rechtfertigungen. Auf der Facebook-Seite der Aktivisten war vor wenigen Tagen von "wichtigen Nachrichten" die Rede. Der Polizeichef des Iran habe im Zusammenhang mit dem Vorfall in Marivan erklärt, es habe sich bei dem Gewand des Verurteilten nicht um typisch kurdische Frauenkleidung gehandelt, sondern bloß um roten Stoff, der ihm auf den Kopf gelegt worden wäre.

Allerdings sei die Angelegenheit ein "unschöner Vorgang" gewesen. Die beteiligten Beamten hätten bereits "die nötigen Ermahnungen" erhalten.