Frauen und Rechtsextremismus Mehr als die Nazifreundin

NSU Prozess - Zschäpe Die Angeklagte Beate Zschäpe (M) kommt zum Prozessauftakt am 06.05.2013 in den Gerichtssaal in München (Bayern). Vor dem Oberlandesgericht beginnt heute der Prozess um die Morde und Terroranschläge des ´Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). Das Verfahren gilt schon heute als einer der bedeutendsten Strafprozesse in der Geschichte der Bundesrepublik. Foto: Peter Kneffel/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

(Foto: dpa)

Hätte die Polizei früher auf die Spur des NSU-Trios kommen können, wenn sie die Rolle von Frauen in der Szene nicht unterschätzt hätte? Diese Frage stellt eine Broschüre der Amadeu-Antonio-Stiftung. Beate Zschäpe habe bewusst das Stereotyp der friedfertigen Frau benutzt, so der Vorwurf.

Von Antonie Rietzschel

Als 2011 bekannt wurde, dass mit Beate Zschäpe auch eine Frau dem Nazi-Trio NSU angehörte, beschäftigte viele Medien vor allem: Ihr Liebesleben, ihre Beziehung zu Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. "Mal war sie mit dem einen zugange, mal mit dem anderen", zitierte die Bild-Zeitung einen früheren Bekannten. Ob im Spiegel oder in der Frankfurter Rundschau: sie war lediglich die Freundin und Mitläuferin. Keinesfalls sei sie eine überzeugte Rechtsextreme gewesen, so die weitläufige Meinung. Bereits damals warnte das im Jahr 2000 in Rostock gegründete bundesweite "Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus" vor der Verharmlosung der Rolle von Frauen innerhalb der Szene. Deren Engagement würde völlig unterschätzt.

Ein schwerwiegender Fehler, den auch Verfassungsschutz und Polizei bei den Ermittlungen zum NSU gemacht hätten - so der Vorwurf einer aktuellen Broschüre der Amadeu-Antonio-Stiftung anlässlich des Jahrestages des NSU-Prozesses. "Die Verbrechen des NSU hätten in mehreren Fällen aufgedeckt werden können, wenn die Aktivitäten rechtsextremer Frauen wahr- und ernstgenommen worden wären", heißt es in der dazugehörigen Presseerklärung der Organisation, die seit 1998 bundesweit gegen Rechtsextremismus kämpft.

Das Stereotyp der "friedfertigen und unpolitischen Frau"

Indizien hierfür sieht die Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung im konkreten Umgang der Polizei mit Zschäpe selbst. So soll sie 1993 zum Teil maßgeblich an Attacken auf linke Jugendliche mitgewirkt und einer Punkerin den Arm gebrochen haben. Die Polizei habe sie mehrfach mit Waffen aufgegriffen, darunter einem Dolch. Dennoch sei sie ohne Vorstrafe geblieben. "Frauen gelten in den Sicherheitsbehörden und den Medien - zu dieser Zeit vielleicht noch mehr als heute - zumeist nur als Anhängsel von rechtsextremen Männern", heißt es weiter in der Broschüre. Die Verfasser zitieren außerdem Zeugenaussagen aus dem Prozess, wonach Zschäpe von Nachbarn als gesellig und unauffällig beschrieben wird. Die Rechtsextremistin habe das Stereotyp der "friedfertigen und unpolitischen Frau" gezielt genutzt.

Auch mit den weiblichen Helferinnen des NSU-Trios beschäftigt sich die Stiftung. Besonders mit Mandy S., die in der rechtsextremen Szene den Spitznamen "White Power Mandy" trug. Sie soll Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt 1998 bei ihrem damaligen Freund einquartiert und unterstützt haben. 2007 verpasste die Polizei nach Einschätzung der Verfasser der Broschüre die Chance, Mandy S. und damit dem NSU-Trio auf die Spur zu kommen.

Um die Mordserie an Kleingewerbetreibenden mit türkischem und griechischem Migrationshintergrund auf ein rassistisches Motiv hin zu untersuchen, wollten die Ermittler eine Rasterfahndung im Raum Nürnberg durchführen. Sie ließen sich vom bayerischen Verfassungsschutz eine Liste aller Rechtsextremisten der Region geben. Darunter auch Mandy S.. Doch die Fahnder schlossen bei der Präzisierung der Liste Männer bestimmter Altersgruppen aus sowie alle Frauen. "Die Einschätzung, die rechtsextremen Frauen für nicht überprüfenswert zu halten, dürfte hierbei auf Grundlage geschlechtsspezifischer Stereotype getroffen worden sein", heißt es in der Broschüre.