Von Stefan Ulrich, Paris

Dass Nicolas Sarkozy das Rentenalter auf 62 erhöhen will, bringt in Frankreich die Massen in Rage. Bei der Rentenreform könnte sich der skandalgebeutelte Präsident tatsächlich durchsetzen - und so eine Wende zum Positiven schaffen.

Eine, zwei, drei Millionen? Wie groß die Zahl der Franzosen ist, die am Dienstag gegen die Rentenpolitik Nicolas Sarkozys aufmarschierten, lässt sich nicht genau klären. Zum einen, weil die Menschen an so vielen Orten auf die Straße gingen, zum anderen, weil die Behörden die Zahlen kleinrechnen, während die Gewerkschaften sie aufzubauschen versuchen.

Private and public sector workers demonstrate over pension reforms in Lille Bild vergrößern

Wie viele Franzosen am Dienstag gegen die Rentenreform ihrer Regierung protestierten, weiß man nicht. Hier eine Demonstration in Lille. (© REUTERS)

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Eines aber ist augenfällig: Es waren sehr viele Franzosen, die da in den Städten protestierten, rote Fahnen schwenkten und ihre Wut gegen die Politik des Präsidenten hinausskandierten. Ihr Hauptangriffspunkt war die Absicht der Regierung, das Renteneintrittsalter von 60 auf 62 Jahre anzuheben. Das ist im internationalen Vergleich immer noch äußerst niedrig. Doch die Franzosen laufen dagegen Sturm, wie meistens, wenn sich etwas ändern soll in ihrem Staat. Was treibt sie um? Ist Frankreich noch zu reformieren? Und warum versteift sich Sarkozy auf die Zahl 62, wenn ihm solcher Widerstand entgegenschlägt?

Um die Protestfreudigkeit der Franzosen etwa im Gegensatz zu den Deutschen zu verstehen, muss man die unterschiedlichen Konfliktkulturen betrachten. Im föderativen Deutschland fallen Entscheidungen in der Regel erst, nachdem alle Seiten ausgiebig darüber diskutiert und einen Kompromiss gefunden haben. Das dauert lange, dafür sind die Ergebnisse haltbar. In der Präsidialrepublik Frankreich werden Beschlüsse rascher vom Élysée gefasst. Die Korrektur setzt danach ein, im Parlament und vor allem auf der Straße. Streiks und Demos wirken als Ventil, um den straffen französischen Zentralismus erträglich zu machen.

Auch die Geschichte spielt bei Protesttagen wie am Dienstag eine Rolle. Frankreich ist früher als andere Länder zum Staat und zur Nation geworden. Es entwickelte ein Avantgarde- und Sendungsbewusstsein. Erst sah sich das Land als "älteste Tochter der Kirche", als allerkatholischste Macht auf Erden, dann, nach Aufklärung und Revolution, als Wiege der Vernunft, der Menschenrechte und des Fortschritts.

Das Bewusstsein, ein einzigartiges Zivilisationsmodell geschaffen zu haben, gehört zum Savoir vivre wie Baguette und Bordeaux. Umso schwerer fällt es den Franzosen, Veränderungen hinzunehmen und sich etwa den Diktaten der Globalisierung zu unterwerfen.

"Was man drüben fürchtet, ist ein von außen kommender Zwang, die menschlichste aller Lebensformen zu ändern", schrieb vor Jahrzehnten der Publizist Friedrich Sieburg über Frankreich. Das gilt noch immer. Mögen andere Länder ihre Rentensysteme reformieren und den Staatshaushalt zusammenstreichen - viele Franzosen sehen darin noch keinen Grund, es genauso zu halten.

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