Dass Nicolas Sarkozy das Rentenalter auf 62 erhöhen will, bringt in Frankreich die Massen in Rage. Bei der Rentenreform könnte sich der skandalgebeutelte Präsident tatsächlich durchsetzen - und so eine Wende zum Positiven schaffen.
Eine, zwei, drei Millionen? Wie groß die Zahl der Franzosen ist, die am Dienstag gegen die Rentenpolitik Nicolas Sarkozys aufmarschierten, lässt sich nicht genau klären. Zum einen, weil die Menschen an so vielen Orten auf die Straße gingen, zum anderen, weil die Behörden die Zahlen kleinrechnen, während die Gewerkschaften sie aufzubauschen versuchen.
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Wie viele Franzosen am Dienstag gegen die Rentenreform ihrer Regierung protestierten, weiß man nicht. Hier eine Demonstration in Lille. (© REUTERS)
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Eines aber ist augenfällig: Es waren sehr viele Franzosen, die da in den Städten protestierten, rote Fahnen schwenkten und ihre Wut gegen die Politik des Präsidenten hinausskandierten. Ihr Hauptangriffspunkt war die Absicht der Regierung, das Renteneintrittsalter von 60 auf 62 Jahre anzuheben. Das ist im internationalen Vergleich immer noch äußerst niedrig. Doch die Franzosen laufen dagegen Sturm, wie meistens, wenn sich etwas ändern soll in ihrem Staat. Was treibt sie um? Ist Frankreich noch zu reformieren? Und warum versteift sich Sarkozy auf die Zahl 62, wenn ihm solcher Widerstand entgegenschlägt?
Um die Protestfreudigkeit der Franzosen etwa im Gegensatz zu den Deutschen zu verstehen, muss man die unterschiedlichen Konfliktkulturen betrachten. Im föderativen Deutschland fallen Entscheidungen in der Regel erst, nachdem alle Seiten ausgiebig darüber diskutiert und einen Kompromiss gefunden haben. Das dauert lange, dafür sind die Ergebnisse haltbar. In der Präsidialrepublik Frankreich werden Beschlüsse rascher vom Élysée gefasst. Die Korrektur setzt danach ein, im Parlament und vor allem auf der Straße. Streiks und Demos wirken als Ventil, um den straffen französischen Zentralismus erträglich zu machen.
Auch die Geschichte spielt bei Protesttagen wie am Dienstag eine Rolle. Frankreich ist früher als andere Länder zum Staat und zur Nation geworden. Es entwickelte ein Avantgarde- und Sendungsbewusstsein. Erst sah sich das Land als "älteste Tochter der Kirche", als allerkatholischste Macht auf Erden, dann, nach Aufklärung und Revolution, als Wiege der Vernunft, der Menschenrechte und des Fortschritts.
Das Bewusstsein, ein einzigartiges Zivilisationsmodell geschaffen zu haben, gehört zum Savoir vivre wie Baguette und Bordeaux. Umso schwerer fällt es den Franzosen, Veränderungen hinzunehmen und sich etwa den Diktaten der Globalisierung zu unterwerfen.
"Was man drüben fürchtet, ist ein von außen kommender Zwang, die menschlichste aller Lebensformen zu ändern", schrieb vor Jahrzehnten der Publizist Friedrich Sieburg über Frankreich. Das gilt noch immer. Mögen andere Länder ihre Rentensysteme reformieren und den Staatshaushalt zusammenstreichen - viele Franzosen sehen darin noch keinen Grund, es genauso zu halten.
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Das französische Volk behält seine Stimme auch nach der Wahl.
die herrschende klasse ist sehr raffieniert.
jetzt weiß ich warum die aktion gegen die euro nomaden [ "zigeuner" ] !
um ein gesetz gegen das volk durchbringen, schafft man erst eine ultra rechte atmosphäre !
Und weiter?
Was danach geschrieben steht, erklärt dazu doch rein gar nichts.
Dabei ist es doch ganz einfach. Die Konfliktkultur hat absolut nichts damit zu tun, auf welchem Wege Entscheidungen getroffen werden und weshalb und wie lange sie dann halten.
Der Unterschied besteht doch darin, was das Volk sich ohne Widerstand bieten läßt. Und da sind die Deutschen doch fast Weltmeister im Hinnehmen dessen, was eigentlich Widerstand herausfordert.
Völlig daneben geht doch dann auch noch die Frage, ob Frankreich noch zu reformieren sei. Selbstverständlich ist es das, nur nicht in deutschem Sinne.
In diesem Artikel, wie auch in vielen anderen deutschen Zeitungen heißt es singemäß: "Die Franzosen streiken weil sie in Zukunft mit 62 anstatt mit 60 Jahren in Rente gehen sollen. Die spinnen, die Gallier."
Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit: in wirklich kann heutzutage nur derjenige mit 60 in Rente gehen, der zu diesem Zeitpunkt schon 40 volle Jahre in die Rentenkasse einbezahlt hat. Wer die 40 Jahre nicht zusammen hat (und das ist der Grossteil der Bevölkerung) muss heute schon bis 65 warten.
Die frz Linke kritisiert nun, dass Leute, die schon mit 16 berufstätig waren in Zukunft noch länger einzahlen müssen, bis sie in den Ruhestand gehen können. Ausserdem sollen in Zukunft 41 oder 42 Beitragsjahre gefordert werden, um eine volle Rente zu erhalten, was für den Grossteil der Bevölkerung kaum machbar ist, wenn man bedenkt, dass man vielleicht auch mal ein oder zwei Jahre arbeitslos sein könnte.
Dass das frz Rentensystem reformiert werden muss und dass dies nicht leicht ist, ist unstrittig. Doch ob dies à la Sarkozy geschehen muss, darüber lässt sich streiten!
Man sollte wohl zusätzlich noch Sarkozy rausschmeißen aus der Regierung.
Paging