Frankreich Dem Kontinent droht ein französisches Roulette

Wunderkind Emmanuel Macron: Der 39-Jährige ist Europas letzte Hoffnung.

(Foto: REUTERS)

In 65 Tagen entscheidet sich nicht nur das Schicksal Frankreichs, sondern auch Europas. So wie es aussieht, kann nur der Sozialliberale Macron die EU-feindliche Le Pen schlagen.

Kommentar von Christian Wernicke, Paris

Es gibt in Frankreich derzeit einen Mann, der scheinbar übers Wasser gehen kann. Emmanuel Macron heißt dieses Wunderkind. Der 39 Jahre junge Ex-Banker und frühere Minister ist der neue Pariser Star - und zugleich Europas letzte Hoffnung. Macron wird laut Umfragen in nur neun Wochen die historische Rolle zufallen, die EU vor ihrer gefährlichsten Feindin zu bewahren. Denn Marine Le Pen, die Nationalpopulistin, will am 7. Mai die Präsidentschaft erobern, um dann - so hat sie angekündigt - das integrierte Europa zu zerschlagen, samt Euro und Erasmus. Der Frexit wäre Europas Exitus.

Macron, ein französischer Europäer und Weltbürger, spürt die Verantwortung. Le Pens Rückzug ins Nationale stellt er das Versprechen eines Aufbruchs in die Zukunft entgegen: Sein Sozialliberalismus geht weiter, als sich François Hollande, sein Ziehvater, bisher traute. Macron will fordern und fördern mit einer Arbeitsmarktpolitik, die sich an skandinavischen Vorbildern orientiert. Vor allem aber ist Macrons Stärke eine Folge der Schwäche fast all seiner Gegner. Die haben ihm mit ihren Fehlern gleichsam jenen Steg gezimmert, auf dem er derzeit im übertragenen Sinne über den Wassern der Seine wandelt.

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Frankreichs noch regierende Sozialisten stellten sich selbst ins Abseits. Ihr linksalternativer Kandidat Benoît Hamon führt den "Parti Socialiste" ins selbe Schattendasein, wie dies Jeremy Corbyn mit der britischen Labour Party anstellte. Alsdann begann François Fillon, der Kandidat der bürgerlichen Rechten, sein Werk der Selbstzerstörung. Die Affäre um die so lukrative wie schamlose Beschäftigung von Frau und Kindern auf Staatskosten macht den Republikaner für anständige Franzosen unwählbar.

Fillon ist nur noch Kandidat, weil sich die anderen verfeindeten Paten der Partei - Ex-Premier Alain Juppé und Ex-Präsident Nicolas Sarkozy - nicht auf einen Ersatz verständigen können. Als Staatsoberhaupt in spe jedenfalls ist Fillon jetzt schon gescheitert. Alle wissen das, nur Fillon selbst begreift es anscheinend nicht.

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Mit jedem Skandal steigen die Umfragewerte Marine Le Pens

Bleibt Marine Le Pen. Auch der Chefin des Front National hängen Skandale an. Die Ruchlosigkeit etwa, mit der Le Pen vor einem Jahr widerwärtige Horror-Fotos der IS-Terroristen über Twitter verbreitete, ist ihre Art, Willen zur Macht zu beweisen. Dass deshalb jetzt das EU-Parlament ihre Immunität aufhob, kümmert sie wenig. Im Gegenteil, Le Pen zelebriert es regelrecht, wenn "das System" - also der Rechtsstaat - gegen sie vorgeht. Dabei weiß sie anscheinend, "das System" clever auszubeuten, das sie bekämpft, wie die Vorwürfe um die Scheinbeschäftigung eines Mitarbeiters im EU-Parlament zeigen. Jede neue Vorladung der Justiz nutzt die Rechtspopulistin, um sich als Jeanne d'Arc der Entrechteten zu inszenieren. Ihre Anhänger deuten es als Verfolgung, ja als Salbung. Ihre Umfragewerte sinken nicht - sie steigen sogar

Europas Zukunft entscheidet sich in 65 Tagen. Frankreich braucht dafür kein Wunder, sondern "nur" genügend Demokraten. Andernfalls droht dem ganzen Kontinent ein französisches Roulette.

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Die französische Präsidentschaftskandidatin hatte brutale Fotos von Opfern der Terrormiliz IS verbreitet - nun darf die Staatsanwaltschaft gegen sie ermitteln. Es ist nicht ihr einziger Konflikt mit dem Gesetz. mehr ...