Frankreich Brutale Misshandlung eines Schwarzen löst Krawalle in Pariser Vororten aus

"Gerechtigkeit für Théo": Demonstranten in Aulnay-sous-Bois.

(Foto: Milos Krivokapic/AP)
  • Ein französischer Polizist soll einen schwarzen 22-Jährigen krankenhausreif geprügelt haben.
  • Der Vorfall hat in den vergangenen Tagen zu massiven Protesten geführt.
Von Nadia Pantel

Für den 22-jährigen Mann, den die französischen Medien nur Théo nennen, endete eine Begegnung mit vier Polizisten im Krankenhaus. Ein Beamter soll ihn mit einem Schlagstock so brutal misshandelt haben, dass Théo schwer verletzt operiert werden musste. Die vier Polizisten wurden vom Dienst suspendiert, gegen einen wird nun wegen des Verdachts der Vergewaltigung ermittelt. Die Beamten verdächtigten den 22-Jährigen des Drogenhandels, das Opfer war der französischen Polizei nicht bekannt und hat keine Vorstrafen.

Entscheidend an dem Vorfall ist der Tatort sowie die Herkunft des Opfers. Théo lebt in Aulnay-sous-Bois, im Département Seine-Saint-Denis, und Théo ist schwarz. Mehr als 60 Prozent der Jugendlichen in dieser Gegend sind nicht in Frankreich geboren oder haben Eltern, die im Ausland geboren sind. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Aus Polizei-Perspektive eine typische Problemregion.

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Aus Bewohner-Perspektive wiederum gibt es hier schon länger ein Polizei-Problem. Und so hat die Misshandlung von Théo in den vergangenen Tagen zu massiven Protesten in Aulnay-sous-Bois geführt. Tagsüber demonstrieren viele Frauen und Familien dafür, dass der Vorfall schnell aufgeklärt wird. Nachts zünden Jugendliche Autos und Mülleimer an. Am Mittwoch wurden 14 Personen bei Ausschreitungen festgenommen.

In einem Interview appelierte Théo an die Bewohner, "mit dem Krieg aufzuhören"

Für eine vorläufige Beruhigung der Situation sorgte das Opfer der Polizeigewalt selbst. In einem Fernsehinterview rief Théo, von Schmerzmitteln sichtlich geschwächt, die Bewohner seiner Heimatstadt auf, "mit dem Krieg aufzuhören". Neben ihm stand Frankreichs Präsident François Hollande. Am Dienstag, vier Tage nach der brutalen Festnahme am 2. Februar, besuchte das Staatsoberhaupt den Schwerverletzten im Krankenhaus und versprach, dass die Justiz den Vorfall konsequent aufklären werde.

In der französischen Banlieue ist der Fall Théo nun zur Chiffre für das miserable Verhältnis von Polizei und Jugendlichen geworden. Jugendliche mit afrikanischen Wurzeln teilen in den sozialen Netzwerken den Aufruf "Gerechtigkeit für Théo", versehen mit dem Hinweis, dass "wir alle Théo sein könnten".

Schon lange beklagen zivilgesellschaftliche Gruppen, dass Personen, die von der Polizei als afrikanisch oder nordafrikanisch identifiziert werden, besonders häufig und brutal kontrolliert werden, vor allen Dingen in der Banlieue. Dort verfolgt der Staat eine Sicherheitspolitik, die eher auf Konfrontation und Abschreckung setzt, statt auf Bürgernähe und Dialog.

In einer Umfrage der Nationalen Beobachtungsstelle für Stadtpolitik sagten mehr als 80 Prozent der Banlieue-Bewohner, deren Eltern aus Subsahara-Afrika, Marokko oder Algerien stammen, dass sie sich "als Franzosen fühlen". Nur 40 Prozent hatten jedoch das Gefühl, von Staat und Gesellschaft "als Franzosen wahrgenommen zu werden". Ein Drittel der Befragten nahm an, aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft diskriminiert zu werden. Jugendliche und Polizei begegnen sich deshalb in gegenseitigem Misstrauen.

Die Präsidentschaftskandidatin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, nahm die Debatte zum Anlass, um "die Sicherheitskräfte zu unterstützen", so Le Pen. Am selben Tag, an dem Hollande seine Krankenhausvisite machte, besuchte Le Pen eine Polizeistation und versprach den Beamten materielle und moralische "Aufrüstung".

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