Flüchtlingsstrom nach Italien Verzweifelt an der Riviera

Am anderen Ufer lockt Frankreich, doch Menton ist unerreichbar: Flüchtlinge auf einem Felsen bei Ventimiglia.

(Foto: Jean Christophe Magnenet/AFP)
  • Italien fühlt sich bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme aus Afrika und dem Nahen Osten von den anderen EU-Ländern weiterhin alleingelassen.
  • Strittig ist, ob zum Beispiel Frankreich das Schengener Abkommen verletzt , oder lediglich die temporäre Suspendierung "Schengens" ausnutzt, die wegen des G-7-Gipfels in Elmau noch bis zum 15. Juni gilt.
  • Zieht Frankreich seine Gendarmen danach nicht von den Grenzen ab, droht diplomatischer Streit. Rom droht für den Fall weiterhin fehlender Solidarität mit einem "Plan B", lässt aber offen, wie dieser aussehen könnte.
  • Die italienische Regierung steht auch innenpolitisch wegen der Flüchtlingsströme unter Druck. Die reichen Provinzen im Norden wollen keine weiteren Asylsuchenden aufnehmen.
Von Oliver Meiler, Rom

Die Grenzen im Norden sind blockiert. Und Italien fühlt sich in diesen Tagen wieder isoliert, alleingelassen mit dem Strom der Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten. Frankreich sperrt in Menton, Österreich am Brenner.

Eine Zeitung schreibt von "Ohrfeigen", die Italien da von den europäischen Partnern verabreicht erhalte. Es sind Ohrfeigen aus Unverständnis und Egoismus, finden die Italiener. Als wollte der Norden Europas mit dem Drama, das sich im Süden des Kontinents zuträgt, nichts zu tun haben.

Italien verwaltet den Notstand so gut, wie es eben geht. Die Auffanglager für Asylsuchende sind voll, überall im Land. Die Behörden richten nun in aller Eile neue Notunterkünfte ein.

Am Mailänder Hauptbahnhof zum Beispiel brachten sie Flüchtlinge, die zuvor in den Gängen mit ihren wenigen Habseligkeiten campiert hatten, für einige Tage in leeren Ladenlokalen unter, deren Wände auf allen Seiten aus Glas gefertigt sind. Wie Aquarien für Menschen sehen sie aus, mitten in den Hallen von Milano Centrale.

Vor der Stazione Tiburtina in Rom stellte die Armee und das Rote Kreuz am Wochenende ein Zeltlager auf für Migranten, die davor im Bahnhof auf ihre Hoffnungsreise in den Norden gewartet hatten. Bald werden neue Plätze nötig sein.

Die letzte Pforte mit Zielsicht

Die eindrücklichsten Bilder aber kommen aus Ventimiglia, einer ligurischen Stadt an der Grenze zu Frankreich. Dort versuchen Flüchtlinge aus Eritrea, Syrien und Sudan den Sprung rüber nach Frankreich.

Die gefährlichsten Etappen ihrer Reise haben sie hinter sich: die Flucht aus Krieg und Misere, die Durchquerung der Hölle Libyens mit ihren Schleusern und Erpressern, die Überquerung des Mittelmeers zu Hunderten auf viel zu kleinen Schiffen bei Wind und Wetter. Es drängt sie nach Norden, wo manche von ihnen Familie haben - nach Frankreich, Holland, Belgien. Ventimiglia ist für sie wie die letzte Pforte, mit Zielsicht.

Doch auf der anderen Seite der Grenze, bei Menton, steht eine Mauer von französischen Gendarmen, die sie zurückdrängt. Immer wieder, tausend allein in den letzten Tagen. Einige Flüchtlinge schaffen es trotzdem. Sie bezahlen ihren Fluchthelfern 50 Euro, damit die sie auf abseitigen Wegen durch die Alpenausläufer fahren, die diesen schmalen Küstenstreifen zerfurchen. Ein Taxidienst gewissermaßen.

Sonderregime wegen G-7-Gipfel in Elmau

Die meisten aber bleiben hängen. Manche drohen damit, ins Meer zu springen, obschon sie nicht schwimmen können. Andere weisen das Essen zurück, das ihnen die Hilfsorganisationen reichen. Aus Verzweiflung und Protest.

Frankreichs Haltung gibt viel zu reden. Verhandelt wird die Frage, ob die Franzosen mit ihrer Grenzblockade tatsächlich mutwillig das Schengener Abkommen verletzen und wider die Genfer Konventionen Kriegsflüchtlingen die Hilfe versagen, wie das die italienischen Medien behaupten. Oder ob sie in diesen Tagen lediglich die temporäre Suspendierung "Schengens" ausnutzen, um einige Hundert Flüchtlinge abzuweisen.

Rund um den G-7-Gipfel im bayerischen Elmau waren die Grenzkontrollen im Schengener Raum nämlich aus Sicherheitsgründen wieder eingeführt worden. Das Sonderregime endet am Montag, 15. Juni.