Flüchtlingspolitik Friedensnobelpreis für Angela Merkel?

Angela Merkel beim Selfie mit einem Asylbewerber in Berlin. Angeblich könnte die Kanzlerin für ihre Flüchtlingspolitik den Friedensnobelpreis erhalten.

(Foto: dpa)
  • Der Direktor des Osloer Friedensforschungsinstituts Prio räumt Angela Merkel gute Chancen auf den diesjährigen Friedensnobelpreis ein.
  • Kristian Berg Harpviken wagt sich jedes Jahr mit einer Shortlist an die Öffentlichkeit - bislang lag er immer falsch.
  • Neben der Bundeskanzlerin gibt es eine Reihe deutlich aussichtsreicherer Kandidaten.
Von Simon Hurtz

Am kommenden Freitag wird der Träger des Friedensnobelpreises 2015 bekanntgegeben. Die Auszeichnung gibt es bereits seit 1901, und genauso alt wie der Preis ist die Kritik an den Prämierten. Seien es die US-Präsidenten Theodore Roosevelt, Woodrow Wilson und Barack Obama, PLO-Chef Jassir Arafat und Israels Premier Yitzhak Rabin oder vor drei Jahren die Europäische Union - nicht immer stießen die Entscheidungen des Komitees auf ungeteilte Zustimmung.

Angeblich könnte die Liste der umstrittenen Preisträger dieses Jahr um einen Namen ergänzt werden: Angela Merkel. Diverse Medien küren die Kanzlerin zu einer der Favoritinnen und attestieren ihr "gute Chancen". Als Grundlage für die Spekulation gelten die "Meinungen von Experten".

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Tatsächlich ist es ein Experte, der sich als Merkels Fürsprecher hervortut: Kristian Berg Harpviken, der Direktor des Osloer Friedensforschungsinstituts Prio. Die Bundeskanzlerin habe in der Flüchtlingskrise "moralische Führungsstärke" gezeigt, sagt Harpviken. Damit habe sie "in einer kritischen Zeit" Verantwortung übernommen, um die sich andere Politiker gewunden hätten. Merkel "duckt sich vor konkreten und schwierigen Diskussionen nicht weg", lobt Harpviken. "Und wir wissen, dass sie nominiert ist - sie könnte den Preis also bekommen."

Kein zuverlässiges Nobel-Orakel

Doch ob der Leiter des häufig zitierten Friedensforschungsinstituts ein zuverlässiges Nobel-Orakel abgibt, scheint fraglich. Alljährlich heizt Harpviken kurz vor der Bekanntgabe der Preisträger die Gerüchteküche an - und regelmäßig irrt er sich. Zwar lag er bei Malala Yousafzai richtig, doch er war er seiner Zeit voraus: Der Preisträgerin 2014 sagte Harpviken die Auszeichnung bereits ein Jahr vorher voraus. Im vergangenen Jahr sah er dann Edward Snowden und Papst Franziskus als Favoriten. Obwohl er es jedes Jahr aufs Neue versucht, liegt seine Trefferquote bislang bei exakt: null.

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Merkel selbst gibt sich uninteressiert: Der Nobelpreis werde nicht von der Presse vergeben; sie konzentriere sich lieber auf ihre politische Arbeit, etwa den Umgang mit den Flüchtlingen. Die Kanzlerin weiß wohl auch, dass die Nominierung alleine eine höchstens begrenzte Aussagekraft besitzt: Vorgeschlagen wurde sie von Bundestagsabgeordneten ihrer eigenen Fraktion.

Wer den Nobelpreis wirklich gewinnen könnte

Deutlich bessere Chancen als Angela Merkel haben womöglich andere Kandidaten. Die Namen auf Liste der 276 Nominierten sind offiziell geheim, doch wie jedes Jahr wird eifrig spekuliert. Glaubwürdiger als Kristian Berg Harpviken dürften die Vermutungen von Nobeliana sein. Hinter der Webseite stecken einige norwegische Nobel-Historiker, die dieses Jahr eine Shortlist mit acht möglichen Preisträgern veröffentlicht haben.

Als Favoriten gelten demnach das Flüchtlingshilfswerk UNHCR zusammen mit dem eritreischen Priester Mussie Zerai, der mit seiner Organisation Tausenden Afrikanern bei ihrer lebensgefährlichen Flucht über das Mittelmeer geholfen hat. Eine solche Auszeichnung könnte als politisches Signal in der Flüchtlingskrise verstanden werden.

Auch die Briten wetten nicht auf Merkel

Gute Aussichten räumen die norwegischen Experten auch der russischen Oppositionszeitung Nowaja Gaseta sowie dem iranischen Außenminister Mohammed Dschawad Sarif und seinem US-Kollegen John Kerry ein. Auch die kolumbianische Regierung und die linken Farc-Rebellen könnten ausgezeichnet werden, da sie nach jahrzehntelangen Kämpfen nun erstmals Friedensverhandlungen führen. Zum weiteren Favoritenkreis zählen Papst Franziskus, die Internationale Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen (Ican) und der saudische Blogger Raif Badawi, der in seiner Heimat zu 1000 Peitschenhieben verurteilt wurde.

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Angela Merkel fehlt auf der Liste übrigens komplett. Selbst die spekulationsfreudigen Briten setzen ihr Geld lieber auf andere Kandidaten. Die Wettbüros favorisieren derzeit Mussie Zerai vor der Nowaja Gaseta und Papst Franziskus. Auch auf Ban Ki-Moon, Edward Snowden und Chelsea Manning wird häufig gewettet. Wer es wagt, auf die deutsche Bundeskanzlerin zu setzen, mag nicht die besten Chancen haben - dafür würde das Risiko im Erfolgsfall aber mit extrem guten Quoten belohnt.