Flüchtlinge Migration ist Menschenschicksal

Dem Menschenschicksal Migration Zäune und Mauern entgegenzusetzen ist aussichtslos.

(Foto: AFP)

Europa betreibt Abschottung und blendet die Bürden aus, die es anderen Weltregionen auferlegt. Doch die Menschen werden so oder so kommen - weil ihnen keine Wahl bleibt.

Kommentar von Sebastian Schoepp

Migration ist Menschenschicksal. Sie ist so alt wie die Menschheit selbst. Migration entsteht, wenn das Gefälle zwischen den Lebensbedingungen in einzelnen Weltgegenden besonders groß ist. Nie waren diese Unterschiede so groß wie jetzt, und nie war deshalb der Sog, der daraus entsteht, so stark - dem Mauern, Wälle oder Zäune entgegenzusetzen ist ein aussichtsloses Unterfangen. Die Wanderung findet immer Wege, wie die alltägliche Praxis rund um das Mittelmeer zeigt.

Umso mehr nimmt es Wunder, dass die Methode mit den Mauern und Zäunen immer wieder versucht wird - so wie nun beim Migrationsgipfel von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien mit afrikanischen Ländern in Paris. Als Ziel wurde formuliert, die "Unterstützung Europas für Tschad, Niger und Libyen bei der Kontrolle und gesteuerten Verwaltung der Migrationsströme zu unterstreichen", oder, wie es Angela Merkel ausdrückte: "Schritt für Schritt die illegale Migration zu reduzieren".

Das darf als Versuch gelten, das Herumwursteln, das bisher jeder in seinem Einflussbereich betrieben hat, zu einer Art gemeinsamer Abschottungspolitik zusammenzuführen. Spanien hat vor Jahren schon mehr oder weniger klandestine Deals mit afrikanischen Ländern geschlossen, allen voran mit Marokko.

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Italien hat das gerade mit Libyen durchexerziert, wodurch die Menge von Bootsflüchtlingen auf dem Mittelmeer sich für den Moment erheblich reduziert hat. Deutschland tat Ähnliches mit der Türkei. Stets versucht man, Länder auf die eine oder andere Weise dafür zu entlohnen, dass sie Migration stoppen. Einmal zahlt man mit Geld oder Vergünstigungen, ein ander Mal mit dem Kollateralschaden, dass ein Präsident sich ermuntert fühlt, diktatorische Züge anzunehmen.

Externalisierung nennt man so ein Verhalten in der Psychologie. Das Wort beschreibt den untauglichen Versuch, ein inneres Problem auf ein konkretes oder abstraktes Gegenüber abzuschieben, um sich Erleichterung zu verschaffen - und damit vor der eigentlichen Herausforderung zu flüchten. So tat es Angela Merkel, nachdem sie in einem Anflug von Großmut 2015 die Grenzen geöffnet hatte - bis sie dann die Überforderung sah und zu externalisieren begann; oder auf Deutsch gesagt: die Drecksarbeit auslagerte. Die Buhmänner sind nun andere: Griechen, Türken, Ungarn, Mazedonier, Österreicher. Und Merkel gewinnt die Wahl als Mutter Teresa der Flüchtlinge.

Dass sie damit durchkommt, ist nur möglich, weil auch der Wähler externalisiert. Als Normalbürger tut man das ja den ganzen Tag lang. Alle konsumieren und konsumieren, obwohl inzwischen jeder, der es wissen will, auch wissen kann, dass das auf Kosten anderer geschieht. Die westliche Wirtschaftsweise und der Lebensstil schaffen Fluchtursachen, Rohstoffe werden nicht fair bezahlt, die Menschen hier lassen andere zu Hungerlöhnen arbeiten. Das ist allgemein bekannt, aber ohne Folgen. Denn die "Bürden, die wir anderen Menschen und Weltregionen auferlegen, werden vom kollektiven Gefühlsleben abgetrennt", wie es der Soziologe Stephan Lessenich ausgedrückt hat.

"Hören Sie mir auf mit der Revolution, die Leute wollen ihr iPhone"

Warum geschieht dies? Weil zum Beispiel die Europäer sich der Illusion hingeben müssen, nur aufgrund sagenhaften Fleißes reich zu sein. Alles andere ist psychologisch schwer auszuhalten. Dabei profitieren sie von einem System unfairer Geschäftsbedingungen zwischen Nord und Süd sowie einseitigen Handelsströmen, die seit Jahrhunderten in denselben Bahnen fließen. Sie lassen sich nicht so leicht umleiten. Das Päckchen Guatemala-Kaffee aus dem Biomarkt ändert daran nichts, im Gegenteil, es dient nur der Gewissensberuhigung.

Niemand kann in einem eng vertakteten abendländischen Leben so leicht vom Handy Abschied nehmen, weil böses Coltan drin ist, das arme Kongolesen aus dem Boden kratzen. Man weiß das und wischt das Wissen weg. Die Produktionsweisen und marktwirtschaftlichen Gesetze, von denen man abhängt, machen es schier unmöglich, einen Systemwechsel hin zu mehr Fairness auch nur zu denken, oder, wie es der spanische Philosoph Manuel Arias Maldonado mal formuliert hat: "Hören Sie mir auf mit der Revolution, die Leute wollen ihr iPhone."

Vielleicht würde es ja schon helfen, sich diese Zusammenhänge wenigstens bewusst zu machen, anstatt der ewigen Externalisierung anzuhängen und dem Glauben, die Flüchtenden würden wegbleiben, wenn man libysche Warlords dafür bezahlt, sie einzuhegen. Die, die dort festgehalten werden sollen, werden ihren Weg so oder so finden, weil die Not ihnen keine Wahl lässt. Sie kommen, um ihre Teilhabe an etwas einzufordern, das ihnen genau genommen auch zusteht.

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