Mittelmeer-Route Warum plötzlich viel weniger Migranten übers Mittelmeer kommen

Rettungkräfte helfen vor der libyschen Küste Flüchtlingen aus einem Schlauchboot.

(Foto: dpa)
  • In Italien sind die Zahlen von Migranten, die übers Mittelmeer kommen, massiv zurückgegangen.
  • Die Regierung in Rom sieht das vor allem als Erfolg ihrer Ausbildung der libyschen Küstenwache.
  • Der immense Rückgang könnte aber auch mit einer fragwürdigen Miliz zusammenhängen.
Von Oliver Meiler, Rom

In Sabratha, einer Hafenstadt im Nordwesten Libyens, nur 70 Kilometer von der Hauptstadt Tripolis entfernt, gibt es offenbar eine Miliz mit mehreren Hundert bewaffneten Mitgliedern, die dafür sorgt, dass von dort keine Schiffe mit Flüchtlingen mehr nach Italien ablegen. Die Bande soll "Brigade 48" heißen, aber ganz sicher ist das nicht. Ihr Chef soll ein ehemaliger Mafioso sein, womöglich ein früherer Menschenschmuggler, doch auch seine Identität ist noch verschwommen. Die Gruppe patrouilliert in den Straßen und an den Stränden von Sabratha, einer Stadt mit 100 000 Einwohnern, als wäre sie die Polizei.

Und da die Küste dort zuletzt so etwas wie die große Hoffnung für Migranten aus Westafrika und Bangladesch war, der Ablegeplatz für das letzte Stück Flucht über das zentrale Mittelmeer nach Europa, ist es nicht unwesentlich, wer diese Bande ist, was sie antreibt, von wem sie Geld erhält.

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Es hat gar den Anschein, dass die mysteriöse Miliz, von der die Nachrichtenagentur Reuters vor einigen Tagen in einer exklusiven Story berichtet hat, einer der Hauptfaktoren für den deutlichen Rückgang der Überfahrten nach Italien ist - wenn auch nicht der einzige. Schon seit einigen Wochen fragen sich die Italiener, warum auf einmal viel weniger Flüchtlinge aus Libyen zu ihnen kommen als in den vergangenen Jahren. Die Route über das Mittelmeer ist ausgerechnet im Sommer, da sie bei gutem Wetter und ruhiger See normalerweise besonders stark befahren ist, fast ganz leer.

Im August sind bisher 2932 Migranten an den Küsten Süditaliens angekommen; im August 2016 waren es noch 21 294 gewesen. Der Rückgang ist auch deshalb erstaunlich, weil er so plötzlich einsetzte. Bis Mai hatte man noch geglaubt, 2017 werde zum Rekordjahr mit mehr als 200 000 Ankünften werden. Nun denkt das niemand mehr.

Auch die libysche Küstenwache greift ein

Erklärungsversuche gab es schnell und viele. Die libysche Küstenwache, so hieß es zum Beispiel, besitze nun endlich die nötigen Mittel, um die überfüllten Boote der Schleuser schon in den libyschen Hoheitsgewässern zu stoppen und die Migranten zurück an Land zu bringen, in die Auffanglager. Die Italiener haben sie dafür ausgebildet. Schnellboote und Apparate wurden geliefert, Geld floss auch. Mehr als 11 000 Menschen wurden seit Februar, als Rom mit Tripolis einen Deal abschloss, von der libyschen Küstenwache an der Reise gehindert. Bis dahin hatte diese Küstenwache allerdings einen zweifelhaften Ruf gehabt: Manche Wächter sollen am Business der Schleuser mitverdient haben.

Ein weiterer Grund für den Rückgang, den sich die italienische Regierung als ihre Leistung zuschreibt, soll mit Roms neuem Umgang mit den privaten Lebensrettern im Mittelmeer zusammenhängen. Innenminister Marco Minniti zwang den Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die in den vergangenen Jahren Zehntausende Migranten an Bord holten, einen umstrittenen Verhaltenskodex auf, der sie bremsen sollte. Er sieht unter anderem vor, dass die NGOs die aufgenommenen Migranten nicht mehr an Crews der italienischen Marine und Küstenwache übergeben dürfen; sie müssen sie nun selbst nach Italien bringen, was viel Zeit und Geld kostet.

Und so kreuzen nur noch zwei Schiffe von solchen Hilfsorganisationen vor Libyen: die Phoenix, die von der NGO Migrant Offshore Aid Station eines italo-amerikanischen Unternehmerpaars betrieben wird, und die Golfo Azzurro von Proactiva Open Arms, der Organisation des katalanischen Aktivisten Oscar Camps. Die Fluchtbewegungen aber, die waren schon zurückgegangen, bevor Minniti seinen Kodex auflegte.

Die Kontrolle wirkt abschreckend

Diskutiert wird außerdem die These, wonach die Bemühungen Italiens im Süden Libyens, an den Grenzen zu Niger und Tschad, womöglich bereits Früchte tragen. Dort hat man mit den Stämmen ausgehandelt, dass sie die Übergänge besser kontrollieren. Von den subsaharischen Ländern wiederum erwartet Europa, dass sie als Gegenleistung für millionenschwere Hilfspakete die großen Wanderbewegungen durch ihre Länder bremsen. Die Zeitung Corriere della Sera schreibt, dass die Kette an neuen Kontrollen bereits abschreckend wirke - bis in die Länder, wo die meisten Migranten herkommen.

Doch diese Annahme ist wohl verfrüht. Außerdem gibt es Hunderttausende Flüchtlinge, die sich bereits in Libyen aufhalten und auf einen günstigen Moment für die Flucht warten. Und so gewinnt die Vermutung an Plausibilität, dass die bewaffnete Bande von Sabratha einen beträchtlichen Beitrag zum Rückgang der Überfahrten leistet. Augenzeugen, denen die Flucht dennoch gelungen ist, erzählten nach ihrer Ankunft in Italien, dass es in Sabratha äußerst kompliziert geworden sei, in ein Boot zu steigen.

Ihre Leute rekrutiert die "Brigade 48" offenbar auch unter früheren Polizisten und Militärs. Nun fragt sich, ob diese geheimnisumwitterte Gruppe im Sold der Regierung in Tripolis steht, die wiederum Geld erhält aus Europa, damit sie die Küsten kontrolliert. Es wäre eine bedeutende Wende. Bisher galt der gesamte Streifen zwischen Tripolis und der tunesischen Grenze als anarchischer Tummelplatz rivalisierender Lokalpotentaten, Dschihadisten und Schmugglern von allem Möglichen: Drogen, Öl, Waffen und besonders auch Menschen. Im Hinterland von Sabratha entstanden Auffanglager, in denen die Flüchtlinge festgehalten werden, als wären sie ein Pfand. Mal lässt man sie gehen, mal hält man sie zurück - je nachdem, was gerade einträglicher ist.

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