Die FDP-Delegation im Europaparlament hat entschieden: Die Plagiatorin Koch-Mehrin soll ihr Mandat behalten dürfen. Das Argument der Liberalen: Darüber könne kein anderer befinden als sie selbst. Dabei ist der Imageschaden für die FDP enorm - und die Parteispitze schweigt.
Wie gut für Silvana Koch-Mehrin, dass sie keine schnöde Angestellte in einem x-beliebigen Unternehmen ist, das möglicherweise etwas auf gute Manieren hält. Sie wäre wohl längst gefeuert worden. Vielleicht noch nicht wegen des Entzugs ihres Doktorgrades. Spätestens aber wegen ihrer Erklärung, die sie am selben Tag abgab.
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Die Delegation der FDP-Abgeordneten im Europaparlament hat sich festgelegt: Silvana Koch-Mehrin soll selbst entscheiden, ob sie ihr Mandat niederlegt. (© REUTERS)
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In der Politik ist das leichter. Ihr Mandat als Abgeordnete des Europäischen Parlamentes kann ihr niemand nehmen. Und die FDP-Delegation will offenbar auch nicht den Druck auf Koch-Mehrin erhöhen, ihr Mandat freiwillig zurückzugeben. Am gestrigen Dienstag haben die FDP-Europaabgeordneten über den Fall Koch-Mehrin gesprochen.
Für Alexander Graf Lambsdorff, den Vorsitzenden der Delegation, geht der Streit um die Doktorarbeit nur die Universität Heidelberg und Koch-Mehrin etwas an. Es sei "keine originäre Aufgabe der FDP-Delegation zur Frage Mandatsverzicht auf die eine oder andere Weise Stellung zu nehmen", sagte Lambsdorff. Die FDP-Europaabgeordneten hätten nicht über das Mandat zu befinden." Über das Mandat nicht, wohl aber über ihren Status als Mitglied der liberalen Fraktion. Aber darüber ist offenbar nicht gesprochen worden.
Menschlich eine nachvollziehbare Haltung. Ohne Koch-Mehrin, die die FDP zwei Mal als Spitzenkandidatin erfolgreich in Europawahlen geführt hat, säße wohl heute noch kein Liberaler aus Deutschland im Europaparlament.
Anstand in Theorie und Praxis
Und auch die FDP-Spitze will Koch-Mehrin nicht öffentlich zum Rückzug aus der Politik bewegen. Vom frisch gewählten Parteichef Philipp Rösler fehlt dazu ein klares Wort. Generalsekretär Christian Lindner erklärte, die Parteiführung wolle erst abwarten, wie sich Koch-Mehrin im weiteren Verlauf verhält.
Dabei ist der Imageschaden, den Koch-Mehrin angerichtet hat, jetzt schon enorm. Auf dem FDP-Parteitag im Mai hatte Rösler in seiner Antrittsrede noch die bürgerlichen Werte hochgehalten, an denen sich Partei und Regierungskoalition messen lassen müssten. Anstand war ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang.
Gut vier Wochen, bevor die Uni die Aberkennung öffentlich macht, tritt Koch-Mehrin von ihren Ämtern als Vizepräsidentin des Europaparlamentes, FDP-Fraktionsvorsitzende und damit auch als Präsidiumsmitglied der Bundespartei zurück. Doch zum Anstand würde wohl gehören, dass sich Koch-Mehrin öffentlich entschuldigt. So hat es Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki gefordert, der ansonsten von einer "Schummelei" spricht.
Stattdessen macht Koch-Mehrin ihrer Universität Vorwürfe und droht rechtliche Schritte gegen die Aberkennung des Doktorgrades an. Ihre Arbeit sei "nicht frei von Schwächen", gibt sie freimütig zu, was aber bei 120 nachgewiesenermaßen plagiierten Stellen eher eine Untertreibung ist. Sie sei "nicht selten ungenau, oberflächlich und manchmal geradezu fehlerhaft". Und "es wäre zu wünschen", wenn sie deutlich gemacht hätte, "auf welche Literatur ich mich jeweils stütze".
Das wisse sie seit elf Jahren, seit sie also ihre Arbeit im Jahr 2000 eingereicht hat. Das wüsste aber auch die Uni Heidelberg seit elf Jahren, weil sie genau dies in ihrem Prüfgutachten festgestellt habe. "Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es, in einer Doktorarbeit ordentlich zu zitieren", schreibt sie. "Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es aber sicher auch, eine vorgelegte Arbeit ordentlich zu prüfen."
Koch-Mehrin will jetzt klären lassen, ob der Entzug des Doktortitels rechtswidrig war. Mit anderen Worten: Koch-Mehrin will einen Titel wieder, der ihr nie hätte gegeben werden dürfen. Jemand sollte ihr mal dringend einen Anstandswauwau schenken, der ihr die wichtigsten Benimmregeln beibringt. Etwa die: Nicht zurückhauen, wenn man selber schuld ist.
Über so viel Chuzpe schütteln manche in der FDP-Spitze nur noch den Kopf. Doch öffentlich erklären will sich keiner aus der engeren Führung. Jeder könnte der Nächste sein, der auf die Solidarität der anderen angewiesen ist. In der Politik geht das manchmal sehr schnell.
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(sueddeutsche.de/mati)
Verehrter Meckerbock, Sie haben ja so recht - und außerdem leider, leider, soviel Ahnung wie der Blinde von der Farbe. Dann begeben Sie sich doch bitte mal in die Niederungen eines universitären Massenfaches und versuchen die dort fälligen Qualifikationen mit Benotung (20-23 in 3 Jahren BA) im Laufe eines Studienganges nach aller unser Maßstäben "gerecht", soll heißen: rückverantwortlich auch für den armen, betrogenen Prüfer durchzusetzen. Ich prophezeie Ihnen jetzt schon den vermehrten Auszug gerade der beliebten Kollegen aus dem Tal der Tränen. Diese sollen also schuld daran sein, daß sich 300 Teilnehmer in einer klausur-/mdl.prüfungspflichtigen Vorlesung, 150 Teilnehmer in einem scheinpflichtigen Hauptseminar, 180-220 in einem scheinpflichtigen Kurs/Übung tummeln?! Sie sollen also schuld daran sein, daß hiervon 30-40 % mit Vorsatz ("soll der Prof doch mir erst nachweisen, daß ich ein Googleberger bin") pfuschen?! Sie sollen also schuld daran sein, daß sie mit Überlastquoten weit jenseits der 200 % zu kämpfen haben?! Sie sollen also schuld daran sein, daß ihnen rigide ausgelegte Prüfungsordnungen mit Termindruck vorgesetzt werden (ohne daß sie zuvor gefragt worden sind)?!
Nein, lieber Meckerbock, SIE sind schuld, SIE, das Volk und seine Vertreter in den Landtagen, die ständig von der Bildungsrepublik Deutschland faseln, aber seit 30 Jahren chronisch absichtlich unterfinanzierte Universitäten knebeln mit immer wieder neuen (natürlich wohlgemeinten) Anforderungen. Sie klatschen beifällig, wenn Forschungsexzellenzen eingerichtet werden - Sie wenden sich aber indigniert ab, wenn es um Lehrexzellenzen gehen müßte. Und die sind ebenfalls nicht ohne mehr Geld zu bekommen - und darauf, lieber Meckerbock. könnten Sie einwirken bei Ihren Abgeordneten (sofern die nicht gerade selbst geschummelt haben) - anstatt die Betrogenen zu Mitbetrügern zu machen.
Gegen die Wertungen des Kommentars ist kaum etwas einzuwenden.
Nur: Die Bemerkung der Plagiatorin, dass es zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört, vorgelegte Arbeit ordentlichzu prüfen, ist nachdrücklichst zu unterstreichen.
Es sollte in jeder Promotionsordnung festgelegt werden, dass Prüfer (Professoren), die gegen diese Selbstverständlichkeit verstoßen, für eine bestimmte Zahl von Jahren vom Recht, Kandidaten zu promovieren, ausgeschlossen werden. Wenn schon Dissertationen nicht mehr richtig gelesen und überprüft werden, wie steht es dann erst mit Hauptseminar- oder gar Proseminararbeiten? Wird dem Betrug an deutschen Universitäten von Studienbeginn an Tür und Tor geöffnet? Dann 'Gute Nacht' Wissenschafts-Standort Deutschland!
In Hamburg ist es dasselbe Prinzip. Ich arbeite hier an einer Universität. Wenn ich einem Studenten nachweisen kann, in einer Hausarbeit plagiiert zu haben, bekommt er trotzdem einen Zweitversuch, da auch er klagen könnte...
wurden, denn in der FDP ist es geradezu ein Super-GAU, was diese
Problematik anbelangt, denn außer Koch-M. haben wir ja noch den
Deutschgriechen Chatzim... , der noch einer Untersuchung seiner
Universität harrt, natürlich auch ein FDP-EU-PArlamentarier.
Aber das Schlimmste hat die "SZ" noch garnicht erwähnt, auch im
Falle des neuen Vorsitzenden U. Wirtschaftsministers Rößler gibt es
auch Ungereimtheiten, im Internet findet sich ein Brief an ihn vom
12. April des Jahres, in dem er um Auskunft über seine Doktorarbeit
gebeten wurde, natürlich bis heute blieb er eine Antwort schuldig!
Rößler soll für seine Medizin-Dissertation die Studie eines Mitstudenten benützt haben, die zudem wegen ihrer geringen Patien=
tenzahl keine valide Aussage zuläßt, wie es im Nachgang der Studie
in der Doktorarbeit lauten soll! Die Untersuchung betraf einen
alten Betablocker mit antiarrhytmischer Wirkung bei Arrhytmie-Pa=
tienten, der dem Produkt (Sotalol) offenbar wieder zu mehr Ver=
schreibungen verhelfen sollte.
Wenn die Medien ihre "Wächterfunktion" wirklich ausüben wollen,
dann müssen sie Dr. med. Rößler ungeachtet seiner derzeitigen
Position drängen, die notwendigen Auskünfte zu erteilen!
Es gab einmal Zeiten, da hätte man solch eine Formulierung nicht in der SZ gefunden, aber das nur so am Rande.
Zum Thema: Obwohl es natürlich Spaß macht – und vollkommen legitim ist –, über die FDP zu witzeln, wird man nicht umhin kommen, der Wahrheit ins Auge zu sehen:
Politik ist eine eigene Berufssparte, das politische Feld hat ebenso eigene Regeln wie das wissenschaftliche oder die Wirtschaft. Zu diesen Regeln gehört es eben, nichts zuzugeben, dass noch nicht bewiesen ist, und im Zweifel nicht einmal dann. Ebenso gehört zur Politik ein eigenes Repertoire an Sanktionsmöglichkeiten, etwa der Rücktritt von Ämtern. Diesen für die Ahndung von Fehltritten als ausreichend anzusehen, haben alle Parteien gemein. Eine Verkäuferin wird entlassen, ein Politiker nicht. Das mag uns nicht gefallen, so funktioniert aber nur einmal das System.
Und natürlich gehört auch innerparteiliche Solidarität zu diesem System, so wie zu vielen anderen übrigens auch: Ein Mitarbeiter stänkert nicht öffentlich gegen seinen Chef, ein Fußballer lästert nicht über seinen Mitspieler und ein Parteigenosse lästert nicht über einen Parteigenossen.
Das alles hat nichts, aber auch rein gar nichts mit „Anstand“, „Moral“ oder Ähnlichem zu tun, so funktioniert das Geschäft nun leider einmal. Ständig mit moralisierendem Unterton zu argumentieren und gleichzeig durch die Fixierung auf nur bestimmte Parteien den Eindruck der Heuchelei nicht gerade zu verschleiern, ist keine Lösung.
„Nicht zurückhauen, wenn man selber schuld ist.“, mag keine Benimmregel, sein, eine politisches Prinzip ist es aber umso mehr.
P.S. Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich bin kein Anhänger der FDP, ich mache mir nur einfach nichts mehr vor und schätze es nicht, wenn Zeitungen es zu tun versuchen
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