FDP nach der Wahl in Niedersachsen In einer verkehrten Welt

Nach der Wahl in Niedersachsen steht Rösler so stark wie nie da. Doch Rainer Brüderle erscheint der Mehrheit einer schrumpfenden Anhängerschaft offenbar als der attraktivste Spitzenkandidat.

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Ist hier noch alles richtig herum? Erst streitet sich die FDP - dann fährt sie in Niedersachsen ein irreführend gutes Ergebnis ein. Rösler geht gestärkt hervor - und nutzt den Moment, um seine Position zu festigen. Der Burgfrieden zwischen ihm und Brüderle offenbart schließlich, wie der Wahlkampf der FDP wohl aussehen wird.

Ein Kommentar von Nico Fried

Es ist nicht immer leicht, die FDP zu kapieren. Nach der Wahl in Niedersachsen jedenfalls gibt es zwei liberale Botschaften, die sich dem herkömmlichen Politikverständnis entziehen. Erstens: Man muss sich in einer Partei nur öffentlich und ohne Rücksicht auf Verluste streiten, um am Ende ein Rekordergebnis zu erzielen. Zweitens: Ausgerechnet wenn die Position des Parteichefs so stark ist wie nie seit seiner Wahl vor knapp zwei Jahren, bietet er seinen Rücktritt an. Ist hier eigentlich noch alles richtig herum?

Der Maler Georg Baselitz, der übrigens auch lange in Niedersachsen lebte, begann Ende der Sechzigerjahre, die Motive seiner Bilder auf den Kopf zu stellen. Er wollte damit die Aufmerksamkeit des Betrachters vom Gegenstand eines Werkes zu dessen künstlerischer Beschaffenheit lenken.

Dieser Ansatz - Baselitz möge verzeihen - hilft auch zur Deutung der FDP: Nimmt man nämlich das Geschehen bei den Liberalen als verkehrte Welt, dann lenkt das auch den Blick von der völlig irreführenden Tatsache eines Zehn-Prozent-Ergebnisses in Hannover hin zu den einzelnen Strichen, aus denen sich das Bild der Freidemokraten im Bund in Wahrheit zusammensetzt. Der Eindruck, der aus dieser Maltechnik entsteht, ist weitaus realistischer - und mindestens so düster wie jener schwarze Baselitz-Adler, der einst im Büro des Kanzlers Gerhard Schröder hing.

Rösler und Brüderle haben Burgfrieden geschlossen

Deshalb ist es eine beachtliche Leistung, wie Philipp Rösler nun die Verhältnisse wieder vom Kopf auf die Füße gestellt hat. Rainer Brüderle erscheint der Mehrheit einer schrumpfenden Anhängerschaft offenbar der attraktivste Spitzenkandidat. Dass Rösler diesen Umstand, der zu seinen Lasten geht, eingestanden hat, ist durchaus respektabel.

Der Umstand freilich, dass nun ein früherer und ein amtierender Wirtschaftsminister die FDP im Wahlkampf führen, enthält noch ein weiteres Eingeständnis: Die FDP konzentriert sich im Existenzkampf auf eine wirtschaftsliberale Kernklientel - und überlässt andere Spielfelder des gesellschaftlichen Liberalismus der Konkurrenz. Anders gesagt: Ausgerechnet die thematische Reduktion, an der die FDP zuletzt fast erstickt wäre, soll ihr nun das Überleben retten.

Immerhin hat der Parteichef Machtinstinkt bewiesen und einen Moment der Stärke genutzt, um seine eigene Position zu sichern. Rösler hat mit dem Parteivorsitz auch angeboten, eigene Ambitionen hinter das Wohl der FDP zu stellen - aber niemand hat zugepackt. Für einen Vorsitzenden, der noch vor Kurzem damit rechnen musste, vom Hof gejagt zu werden, steht Rösler nun eigentlich ganz passabel da. Und weil er es verstanden hat, im entscheidenden Moment von vorne zu führen, ist er keineswegs ein Parteichef von Brüderles Gnaden. Eher umgekehrt.

Rösler und Brüderle haben Burgfrieden geschlossen. Er kann nur halten, wenn nicht irgendein Liberaler erneut dem Wahn verfällt, Streitereien mehrten die Wahlchancen. Ein Bild auf dem Kopf kann Kunst sein. Aber in der Politik zeugt nicht alles, was verkehrt ist, von Kunstfertigkeit.