FDP Hat Silvana Koch-Mehrin abgeschrieben?

Erst Karl-Theodor zu Guttenberg, nun Silvana Koch-Mehrin: Die 40-Jährige soll bei ihrer Promotion mehrere Stellen fast wortwörtlich übernommen haben.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Es geht bisher um 15 Stellen in ihrer Doktorarbeit. Mal kürzere, mal längere Textpassagen, die Silvana Koch-Mehrin eins zu eins von anderen Autoren vollständig oder nur leicht verändert übernommen haben soll, ohne die Stellen nach den Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens korrekt zitiert zu haben.

Karriere mit Knick

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Zu finden sind sie auf der Internetseite vroniplag.wiki.de. Deren anonyme Macher haben es sich analog zum berühmt gewordenen Guttenplag zur Aufgabe gemacht, wissenschaftliche Arbeiten von Politikern "kritisch" zu überprüfen.

Der Guttenplag hat maßgeblich dazu beigetragen, die vielen Stellen in der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg zu identifizieren, in denen der inzwischen von allen Ämtern zurückgetretene Ex-CSU-Star abgeschrieben hat - nach Einschätzung der Uni Bayreuth sogar mit Absicht.

Noch sind die gefundenen Stellen in Koch-Mehrins Arbeit nicht "verifiziert", wie es auf der Website heißt, also auf Echtheit überprüft. Und doch könnten schon die wenigen dokumentierten Stellen Koch-Mehrin in Bedrängnis bringen. Es wäre nicht das erste Mal.

Koch-Mehrin hat ihre in Rede stehende Doktorarbeit 2001 an der Uni Heidelberg abgeschlossen und unter dem Titel: "Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik: die Lateinische Münzunion 1865 - 1927" veröffentlicht.

Auf Nachfrage will sich Koch-Mehrin nicht zu ihrer Doktorarbeit äußern. Per Mail ließ sie über einen Mitarbeiter ausrichten, "sich bei Fragen über den Inhalt oder eine Überprüfung der Dissertation von Frau Dr. Koch-Mehrin an die zuständigen Gremien der Universität Heidelberg zu wenden." Der Universität Heidelberg ist der Vorgang bekannt. Die Anlegenheit werde gepüft, hieß es. Eine Stellungnahme aber liegt noch nicht vor.

Koch-Mehrins Doktorvater, der inzwischen emeritierte Heidelberger Historiker Volker Sellin, war bisher für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Arbeit war Koch-Mehrin bereits Mitglied im Bundesvorstand der FDP. Ihre politische Karriere aber hatte sie noch vor sich.

"Schönstes Wahlplakat Deutschlands"

Parteichef Guido Westerwelle entdeckte die hochgewachsene Blonde und präsentierte sie als Spitzenkandidatin der FDP für die Europawahl 2004. Auf den Wahlplakaten war ihr Doktortitel stets erwähnt. Der damals 33-Jährigen gelang das fast Unmögliche: Die FDP zog nach Jahren der Abstinenz wieder in das Europaparlament ein.

Von sich reden gemacht aber hat das "schönste Wahlplakat Deutschlands", wie sie Kritiker nannten, weil sie sich für den Stern mit schwangerschaftsrundem Bauch auszog. Im Leute-Fachmagazin Bunte erklärte sie ihr Privat- und Liebesleben als dreifache Mutter und Ehefrau eines britischen Anwalts. Dem Oben-ohne-Magazin Praline lieferte sie Kolumnen.

Sie gibt Regionalzeitungen gerne Interviews zu europapolitischen Themen, in denen sie mal gegen das Glühbirnenverbot wettert, mal den Eindruck erweckt, EU-Parlamentarier seien Dauergäste bei Brüsseler Prostituierten, mal dafür kämpft, dass Straßburg als zweiter Parlamentssitz abgeschafft wird.

Im Europawahlkampf 2009 geriet Koch-Mehrin heftig unter Beschuss, weil die FDP-Fraktionsvorsitzende im EU-Parlament nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung plötzlich als faulste Europaabgeordnete galt. Das Blatt zitierte eine Studie zur Anwesenheitsstatistik aller aktuellen und ehemaligen Euro-Parlamentarier der sechsten Wahlperiode. Koch-Mehrin sei demnach mit einer "Präsenzquote von 38,9 Prozent" nicht nur "an letzter Stelle der 106 deutschen Abgeordneten" gelandet, sondern auch "auf Platz 914 der Gesamtliste".

Koch-Mehrin ging mit Anwälten gegen die Berichterstattung vor, eine einstweilige Verfügung aber wurde vom Landgericht Hamburg wieder aufgehoben.

Im Brüsseler Parlament hat sie heute mehr Gegner als Freunde. Als es nach der Europawahl 2009 um die Besetzung der 14 Präsidiumssitze im Europaparlament ging, fuhr sie die mit Abstand schlechtesten Wahlergebnisse ein. Erst im dritten Wahlgang konnte sie sich durchsetzen - lediglich 186 von mehr als 600 Abgeordneten stimmten für sie. Einige sahen in ihr das geringere Übel. Ansonsten wäre der Pole Michał Tomasz Kaminski gewählt worden, der zuvor mit rassistischen und schwulenfeindlichen Kommentaren aufgefallen war.

Der Plagiatsverdacht trifft die 40-jährige Koch-Mehrin in einer für die FDP politisch sensiblen Phase. Der designierte neue Parteichef Philipp Rösler will die Partei inhaltlich und personell erneuern. Auf dem Bundesparteitag Ende Mai in Rostock will Rösler eine neue, schlagkräftige Mannschaft präsentieren. Da kann es ihm kaum gefallen, das eine von den ohnehin wenigen Frauen im Parteipräsidium sich auch noch Plagiatsvorwürfen erwehren muss.

Very Libérål

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