FDP-Chef auf dem Parteitag in Karlsruhe Rösler redet sich ins Abseits

Die FDP präsentiert sich in Karlsruhe mit neuer Doppelspitze: Kubicki und Lindner rocken den Saal. Parteichef Rösler bekommt danach eine Chance, den gefühlten Durchmarsch der beiden zu verhindern. Er nutzt sie nicht. Und scheitert mit seinem Versuch, die Negativstimmung gegen sich zu brechen.

Von Thorsten Denkler, Karlsruhe

Am Tiefpunkt seiner Rede nimmt sich Philipp Rösler die Piraten vor. Ein ihm bekannter Fotograf, beginnt Rösler seine schräge Argumentationskette, habe die Piraten auch mal toll gefunden. Als der aber gemerkt habe, dass die seine Bilder kostenlos im Netz verteilen wollten, fand er sie nicht mehr toll. Die deutschen Soldaten vor Somalia, sagt Rösler da völlig unvermittelt, sollten doch auch mal gefragt werden, was sie von den Piraten hielten. "So bekommt Freibeuterei eine ganz neue Bedeutung."

Die Mitglieder der deutschen Piratenpartei gleichsetzen mit den mordenden Freischärlern am Horn von Afrika? Viele in der Messehalle Karlsruhe schütteln ob dieses Vergleichs aus der Kategorie "geschmacklos" den Kopf, während sie pflichtschuldig ihre Hände zum Applaus nötigen.

Es ist nicht die einzige Stelle, an der Röslers Rede nach hinten losgeht. Aber die eindrucksvollste. Dabei ist es ein wichtiger Tag für Philipp Rösler. Nur ein Jahr brauchte er seit seiner Wahl im Mai vergangenen Jahres bis heute, um vom umjubelten Hoffnungsträger zum gefühlten Sargnagel der FDP zu werden. Die Rede in Karlsruhe musste deshalb so etwas wie der Nachweis seiner Existenzberechtigung als Parteichef werden. Um es kurz zu machen: Es ist ihm nicht gelungen.

Vor einem Jahr in Rostock, da hielt er eine leise, zuweilen launig-lustige Rede. Eine Rede, die ihm als Person entsprach. Rösler kann das, sympathisch sein, auch unterhaltsam. In Rostock war er noch er selbst.

Doch das Jahr als Parteichef hat ihn verändert. Misstrauischer ist er geworden, unsicherer. Hier in Karlsruhe ist das leicht zu erkennen. Statt zu reden wie Philipp Rösler immer geredet hat, brüllt er einmal in den Saal wie einst Guido Westerwelle, gibt sich ein anderes Mal nachdenklich wie Christian Linder und wieder ein anderes Mal volksnah wie Wolfgang Kubicki.

Verschossene Pointen

Rösler macht den Kardinalfehler in der Politik: Er will es allen recht machen und erreicht damit keinen mehr. Nach manchen vermeintlichen Pointen hält er inne, fokussiert auf seine Zuhörer, als wolle er erstmal nachprüfen, ob der Satz gesessen hat. Hat er meist nicht.

Dass es die Originale besser können, zeigen die beiden Chef-Wahlkämpfer aus NRW und Schleswig-Holstein. Die etwas unglückliche Parteitagsdramaturgie platziert Lindner und Kubicki im Programm kurz vor Rösler. Das macht den Unterschied zwischen Rösler und den beiden anderen besonders deutlich.

Kubicki rechnet in seiner als "Grußwort" unterverkauften Rede brachial mit der Steuersenkungsrhetorik der vergangenen Jahre ab. Da sei die Partei "auf ganzer Front steckengeblieben", wofür er schon reichlich Applaus bekommt. Wie nach ihm Lindner stellt er den Schuldenabbau in den Mittelpunkt: Entschuldung vor Entlastung, das sagte Lindner schon. Kubicki geht weiter: "Entschuldung ist Entlastung!"

Kubicki verknüpft in sozialliberaler Tradition die Begriffe Freiheit und Verantwortung. Zwar solle jeder mehr als die Hälfte seines Einkommens zu seiner freien Verfügung haben. Aber die FDP dürfe nicht vergessen, dass der Staat in der Lage sein müsse, die Ansprüche der Bürger zu erfüllen. Einen Satz, den man selten hört in der FDP.