Fall Skripal Boris Johnson: Russland hat heimlich Nervengift-Vorräte aufgebaut

DIe Anschuldigungen äußerte Boris Johnson in einem Interview mit der BBC.

(Foto: REUTERS)
  • Russland soll heimlich Vorräte des Nervengifts aufgebaut haben, mit dem der ehemalige Doppelagent Sergej Skripal angegriffen wurde.
  • Das sagt der britische Außenminister Boris Johnson in einem Interview mit der BBC.
  • In den kommenden Tagen sollen Vertreter der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) Proben des Nervengifts untersuchen.

Russland habe heimlich Vorräte des Nervengifts Nowitschok aufgebaut, das beim Anschlag auf den früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal eingesetzt worden sein soll - das hat der britische Außenminister Boris Johnson in einem am Sonntagmorgen veröffentlichten Interview gesagt. In der von der BBC produzierten "Andrew Marr Show" äußerte Johnson weiter, Russland habe in den vergangenen zehn Jahren untersucht, wie das Nervengift bei Attentaten eingesetzt werden könne. Woher die Informationen stammen, erwähnte Johnson im Interview nicht.

Der russische EU-Botschafter Wladimir Tschischow hatte dem britischen Sender zuvor gesagt, das Gift könne aus einem britischen Forschungslabor stammen. Ähnliches sagte auch der Diplomat Alexander Schulgin, russischer Vertreter bei der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW): "Mit hoher Wahrscheinlichkeit" könne angenommen werden, dass der in Salisbury verwendete Stoff aus einem westlichen Labor stamme. Er nannte ausdrücklich Großbritannien und die USA. Johnson bezeichnete die Aussage Tschischows als "satirisch". Nowitschok war bislang nur als Nervengift aus der früheren Sowjetunion bekannt.

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Die Proben des Nervengifts sollen in den kommenden Tagen von Vertretern der OPCW untersucht werden. Eine Delegation der Organisation werde am Montag in Großbritannien erwartet, das teilte das Außenministerium am Sonntag in London mit. Die OPCW lasse die Proben in internationalen Labors untersuchen. Dies werde mindestens zwei Wochen dauern. Zudem kündigte Johnson an, am Montag die EU-Außenminister über den Fall zu informieren und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg zu treffen. Stoltenberg sagte der Welt am Sonntag, dass die Nato über einen anderen Umgang mit Russland nachdenke. Der Anschlag zeige, dass das Land immer unberechenbarer und aggressiver werde.

Das Attentat hat eine schwere politische Krise zwischen beiden Ländern ausgelöst. Nachdem vergangene Woche zunächst Großbritannen 23 russische Diplomaten des Landes verwiesen hatte, warf auch der Kreml 23 britische Diplomaten aus Russland und ordnete an, dass das britische Kulturinstitut in Moskau und das Konsulat in St. Petersburg geschlossen werden. Die britischen Diplomaten hätten nun eine Woche Zeit, das Land zu verlassen - dieselbe Frist hatte London auch den betroffenen russischen Diplomaten gestellt.

Die Untersuchungen im Fall Skripal können noch Monate dauern

Sergej Skripal und seine Tochter Julia, die bei dem Anschlag ebenfalls lebensbedrohlich verletzt wurde, befinden sich nach wie vor in einem kritischen Zustand. Sie waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury aufgefunden worden. London glaubt, dass Moskau hinter dem Giftanschlag steckt. Nach Angaben von Scotland Yard könnten die Untersuchungen im Fall Skripal noch Monate dauern. Rund 400 Zeugen hätten bereits ausgesagt, Hunderte weitere sollen in den nächsten Tagen dazukommen. Etwa 250 Spezialisten der Anti-Terror-Polizei seien mit dem Fall beschäftigt.

Für Unruhe in Großbritannien sorgt auch der Mord am Kreml-Kritiker und Geschäftsmann Nikolai Gluschkow, der für die russischen Großkonzerne Avtovaz und Aeroflot gearbeitet hatte. 2004 war er in seiner Heimat zu drei Jahren und drei Monaten Haft nach Vorwürfen von Betrug und Geldwäsche verurteilt worden, 2010 erhielt er in Großbritannien Asyl. Bei den Ermittlungen fanden Rechtsmediziner am Hals Gluschkows Gewaltspuren, wie Scotland Yard mitteilte. Der 68-Jährige war am vergangenen Montag tot in seinem Haus in London entdeckt worden. Es sei aber weiter kein Zusammenhang zwischen dem Tod Gluschkows und dem Anschlag auf Skripal erkennbar.

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