Erste Rede von Bundespräsident Gauck Die Freiheit, die er meint

Joachim Gauck hat zugehört in den vergangenen Wochen, hat Kritik wahr- und ernst genommen. Freiheit ist und bleibt sein Lebensthema. Da sollte sich niemand täuschen. Aber er hat es klug durch die Frage der Gerechtigkeit ergänzt. Wenn er so weitermacht, wird er ein großer Präsident sein können.

Ein Kommentar von Thorsten Denkler, Berlin

Wer Joachim Gauck Arges will, der sagt dieses über ihn: Der Gauck, der hat doch immer nur das eine Thema. Freiheit, Freiheit, Freiheit. Das reicht doch nicht! Es ist dies eine wohlfeile Kritik. Nicht weil das Land froh sein kann, endlich wieder einen Bundespräsidenten zu haben, der aus eigenem Erleben und Erfahren heraus ein Thema hat. Eine Thema übrigens, das er nicht erst mühsam finden musste, wie sein Vorgänger Christian Wulff die bunte Republik Deutschland. Sondern eines, das ihm förmlich aufgezwungen wurde, durch Erziehung und Leben in der früheren DDR.

Nein, die Kritiker Gaucks verkennen, mit wie viel Tiefe der neue Bundespräsident das Thema zu durchdenken in der Lage ist. Vor allem die ganz linke politische Klasse vermisste bei Gauck immer Hinweise zur sozialen Gerechtigkeit. Sie hörte oder wollte nur hören, was an Zitatschnipseln durch die Medien geistert. Da hat er mal in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung von der "sozialen Hängematte" gesprochen, aus der sich Bezieher von Transferleistungen heraushieven sollten. Oder Thilo Sarrazin "Mut" bescheinigt für sein Skandal-Buch.

Joachim Gauck aber sollte nicht verkürzt wiedergegeben werden. Er ist kein Mann für das kurze Statement, die schnelle Botschaft. Er argumentiert, leitet her ohne je die zweifelhafte Gewissheit zu verströmen, die letztgültige Wahrheit gefunden zu haben. Gauck ist Zweifler und Mahner, ja. Aber keiner, der glaubt, es besser zu wissen. Gerade darum ist er wie geschaffen für das Amt des Bundespräsidenten.

Kritik hört er wohl

Und: Er ist lernfähig. Das hat er an diesem Freitag, dem Tag seiner Vereidigung, erneut bewiesen. Die Kritik hörte er wohl. Sie hat zwar nichts an seiner Grundhaltung, an seinen Überzeugungen verändert. Dann wäre er auch falsch für dieses Amt. Er wird aber gespürt haben, dass er mehr erklären muss, was er meint, wenn er die Bürger zu mehr Verantwortung aufruft.

Keineswegs glaubt er an einen zurückhaltenden Sozialstaat, der seine Menschen im Stich lässt, wenn sie Hilfe brauchen. Er will verhindern, dass diese Menschen in ein Loch der Hoffnungslosigkeit fallen. Er will ermutigen. Nicht verurteilen. Er könne die Sorgen verstehen, wenn er diesen Menschen den Begriff der Freiheit entgegenstelle, sagt er in seiner Rede vor Bundestag und Bundesrat. Diese Ängste und Sorgen will er nehmen. "Ängste vermindern unseren Mut und unser Selbstvertrauen. Manchmal so entscheidend, dass wir beides ganz und gar verlieren können", sagt Gauck.

Der Staat müsse dafür sorgen, dass jedem Menschen "Teilhabe und Aufstiegschancen" möglich sind. Dafür brauche es einen Sozialstaat, der "vorsorgt und ermächtigt". Ermächtigung ist ein klassisches Gauck-Wort. Übersetzt heißt das eigentlich nur: Hilfe zur Selbsthilfe.

Hier verbindet er die beiden Begriffe Freiheit und Gerechtigkeit. Ohne Freiheit könne es keine Gerechtigkeit geben. Gerechtigkeit wiederum sei Voraussetzung dafür, Freiheit und Selbstverwirklichung erlebbar zu machen.

Es ist kein Zwang zur Freiheit, den Gauck propagiert. Von Zwang zu irgendetwas hat Gauck zu viel erlebt, als dass dies seine Grundhaltung sein könnte. Er kann und will nur appellieren, sich der Freiheit, die dieses Land bietet, nicht zu verschließen. "Wem Teilhabe möglich ist und ohne Not auf sie verzichtet, der vergibt eine der größten Möglichkeiten des menschlichen Daseins: Verantwortung zu üben."

"Nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu leben." So sagt es Gauck. Wenn er es schafft, dass die Botschaft bei den Menschen ankommt, dann wird er sich in eine Reihe stellen können mit den großen Präsidenten, die dieses Land gehabt hat. Mit der Rede heute, hat er den ersten Schritt bereits getan.

Joachim Gauck und seine Vorgänger

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