Erbrecht Tunesien rüttelt an der Scharia

Tunesien ist Vorreiter in der Region wenn es um Frauenrechte geht - Aber es regt sich auch Widerstand.

(Foto: Fethi Belaid/AFP)

Präsident Essebsi will das islamische Erbrecht reformieren und die Rechte der Frauen stärken. Schon regt sich Widerstand.

Von Dunja Ramadan

Tunesien scheint in Sachen Frauenrechte noch einmal nachlegen zu wollen: Erst Ende Juli verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe stellt, doch diesmal bewegt sich der tunesische Präsident Béji Caïd Essebsi auf besonders gewagtem Terrain. Mitte August verkündete er eine Reform des islamischen Erbrechts und löste damit eine erhitzte Grundsatzdebatte in der Region aus. Bisher bekommen männliche Erbberechtigte doppelt so viel wie Frauen, dafür muss der Mann die finanzielle Last der Familie tragen; entsprechende Regelungen finden sich im Koran. In weiten Teilen der islamischen Welt gilt das Erbrecht bis heute als unveränderliche religiös begründete Regel.

Es dauerte deshalb nicht lange, bis sich muslimische Autoritäten zu Wort meldeten. Abbas Schuman, Vizescheich der weithin anerkannten sunnitischen Al-Azhar-Universität in Kairo, bezeichnete den Vorstoß von Essebsi als "Widerspruch zu den Gesetzen des islamischen Rechts". Das Erbrecht sei im Koran detailliert ausgeführt, die Praxis des Idschtihad, also der selbständigen Rechtsfindung bei unklaren Sachverhalten, sei damit ausgeschlossen. Die Antwort aus Tunesien kam prompt: Essebsi verbat sich die Einmischung der ägyptischen Gelehrten in die Angelegenheiten seines Landes.

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Gänzlich andere Töne kommen von Geistlichen in Tunesien selbst. Der Obermufti des Landes, Othman Batikh, sicherte dem Präsidenten seine Unterstützung zu. Tunesierinnen seien ein "Musterbeispiel für die moderne Frau", deren Status geschützt werden müsse. Da das tunesische Parlament 2014 die internationale Konvention zur Beseitigung aller Formen der Diskriminierung gegenüber Frauen unterzeichnete, müsse man die Gleichheit von Mann und Frau auch in ihren Rechten und Pflichten weiter vorantreiben, urteilte das Büro des Muftis. Angesichts der Tatsache, dass das Religionsministerium den Mufti ernennt und auch wieder entlassen kann, ist die Erklärung des tunesischen Fatwa-Amtes keine große Überraschung.

Um die Reform durchzubringen, braucht der Präsident eine breite Unterstützung unter den Abgeordneten. Die konservativ-islamische Ennahda-Partei hält sich bislang zurück, das Parlament befindet sich in der Sommerpause. Ein Sprecher der Partei sagte dem Radiosender Al-Ribat nur, es sei noch zu früh, über den Vorschlag des Präsidenten zu sprechen. Er müsse erst im Parlament vorgestellt werden. Auch in den sozialen Netzwerken wurde die Erbrechtsreform kontrovers diskutiert. Viele halten den Vorschlag für eine kleine Revolution. Der Kolumnist Maher Gabra schreibt, dass Frauen heutzutage oft genauso viel zum Lebensunterhalt beitragen wie Männer und die derzeitige Regelung deshalb ungerecht sei. Zu Zeiten des Propheten Mohammed sei das Erbrecht fair gewesen, da die Frau damals nicht arbeitete und der Mann für die Familie aufkommen musste. Doch mittlerweile ist es oft die Frau, die nach dem Tod ihres Mannes oder nach einer Scheidung für die Familie verantwortlich ist - oder die Frau bleibt ledig.

Die tunesische Schauspielerin Manel Abdelqawi findet hingegen, die Erbrechtsreform greife zu kurz. Der Präsident würde damit vor allem die gehobene Klasse ansprechen, und nicht die typische Tunesierin. Auf Facebook prangert sie die prekären Umstände vieler Frauen im Land an, die mangelhafte Gesundheitsversorgung, die spärliche Rente, die schlechten Arbeitsbedingungen. Auch der ehemalige tunesische Präsident Moncef Marzouki hält die Reform für oberflächlich. Er wirft seinem Nachfolger und dessen Partei vor, das Frauenthema zu benutzen, um von seinem "erniedrigendem Scheitern" abzulenken.

Nicht nur die Erbrechtsreform sorgte über die Landesgrenzen hinaus für Diskussionen: Muslimischen Tunesierinnen soll es in Zukunft erlaubt sein, Nicht-Muslime zu ehelichen, so ein weiterer Vorstoß von Präsident Essebsi. Das auf dem Koran basierende Eheverbot soll Gelehrten zufolge die Nachkommenschaft der Muslime sichern; da die Kinder die Religion des Vaters übernehmen, würde eine Heirat mit einem Nicht-Muslim den Fortbestand der Religion gefährden, so die Argumentation.

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