Edward Snowden auf der Flucht Der Coup des Gejagten

"Hallo, mein Name ist Ed Snowden": Bei einem Treffen mit Menschenrechtlern auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo wirft der Whistleblower den USA vor, Gesetze zu brechen, um ihn zu fassen. Eine Reise nach Südamerika scheint Snowden derzeit nicht geheuer. Er will in Russland bleiben - zumindest vorerst. Damit tritt ein, was der russische Präsident Wladimir Putin unbedingt verhindern wollte.

Von Julian Hans

Edward Snowden ist doch kein Phantom. Drei Wochen lang hatte niemand ihn gesehen, da bat Snowden überraschend zur Audienz. In einer E-Mail lud der ehemalige Mitarbeiter des US-Geheimdienstes am Donnerstag gut ein Dutzend prominenter Anwälte, Abgeordneter und Vertreter von Menschenrechtsorganisationen aus Moskau zu einem Treffen am nächsten Tag in den Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo:

"Bitte finden Sie sich um 16.30 Uhr in der Mitte der Ankunftshalle in Terminal F ein", hieß es in dem Schreiben, das Tanja Lokschina, die stellvertretende Leiterin des Moskauer Büros von Human Rights Watch, auf Facebook veröffentlichte. "Ein Mitarbeiter des Flughafens wird Sie dort mit einem Schild mit der Aufschrift 'G9' erwarten."

Journalisten waren zu dieser Begegnung nicht eingeladen. Gleichwohl belagerten am Freitagnachmittag Hunderte Reporter die Halle F von Moskaus größtem Flughafen in der Hoffnung, endlich mit eigenen Augen zu sehen, dass der 30-Jährige tatsächlich dort ist. Um kurz vor 17 Uhr Moskauer Zeit hatte das Versteckspiel dann ein Ende. Der angekündigte Bote mit dem G9-Schild führte die eingeladenen Juristen und Menschenrechtsvertreter in einen Besprechungsraum des Flughafens. Hinter verschlossenen Türen gab Edward Snowden dann bekannt, dass er Asyl in Russland beantragen werde. "Vorübergehend", wie er betonte. Sein Ziel bleibe Lateinamerika.

Ich hatte "eine Familie, ein Haus im Paradies"

Auf einem Foto, das die Human-Rights-Watch-Vertreterin Lokschina während des Gesprächs machte, sitzt Snowden in grauem Hemd an einem Konferenztisch. Neben ihm Sarah Harrison, eine Wikileaks-Anwältin. Die Enthüllungsplattform hat in den vergangenen Wochen die Öffentlichkeit über die Entwicklungen bei der Suche Snowdens nach Asyl informiert. Im Anschluss an das Treffen veröffentlicht sie auch ein Protokoll von Snowdens Erklärung. "Hallo, mein Name ist Ed Snowden", beginnt es. "Vor etwas mehr als einem Monat hatte ich eine Familie, ein Haus im Paradies und lebte in großem Wohlstand. Und ich hatte die Möglichkeit, ohne jede Ermächtigung Ihre Kommunikation zu durchsuchen und zu lesen." Letzteres aber sei eine Verletzung elementarer Grundrechte. Und die könne auch durch geheime Gesetze nicht legitimiert werden.

Snowden warf den USA vor, an ihm ein Exempel zu statuieren, als "Warnung an alle anderen, die ihre Stimme erheben könnten, wie ich es getan habe". Die US-Regierung habe Staaten, die für Menschenrechte und Asylrecht eintraten, mit Sanktionen gedroht und Verbündete angewiesen, das Flugzeug des bolivianischen Präsidenten Evo Morales zur Landung zu zwingen, um einen Flüchtling zu suchen. Einige Regierungen in Westeuropa und Nordamerika hätten ihre Bereitschaft unter Beweis gestellt, Recht zu brechen.