Demokraten gewinnen US-Wahl Obamas nächster Gegner ist Amerikas düstere Zukunft

Die Amerikaner haben Barack Obama nicht deshalb wiedergewählt, weil sie seine erste Amtszeit so grandios fanden. Im Vergleich mit Mitt Romney ist er einfach das kleinere Übel. Was Obama in den kommenden vier Jahren tun will, hat er bislang kaum verraten. Wo er anpacken müsste, liegt auf der Hand.

Ein Kommentar von Hubert Wetzel

Es ist kein glanzvoller Sieg, den Barack Obama errungen hat. Der Präsident bleibt Präsident. Doch die Amerikaner haben ihn nicht wiedergewählt, weil sie seine ersten vier Amtsjahre so grandios und überzeugend fanden. Die US-Bürger wären durchaus bereit gewesen, Obama zu feuern. Doch sie waren nicht bereit, an seiner Stelle Mitt Romney anzuheuern. Dazu war das Image des Republikaners zu schlecht.

Als kalten, profitgierigen, elitären Manager hatte Obamas Wahlkampfteam den Rivalen gezeichnet, das machte offenbar auf genügend Wähler Eindruck. Romney hätte die Wahl gern zu einem Referendum über Obamas Amtsführung in den vergangenen vier Jahren gemacht. Obama machte die Wahl stattdessen zu einem Referendum über den Charakter des Herausforderers. Und gewann.

Was Obama in den kommenden vier Jahren tun will, hat er im Wahlkampf kaum verraten. Was er tun müsste, liegt auf der Hand: Amerikas öffentliche Infrastruktur - von den Stromleitungen über die Straßen und Brücken bis zum Gesundheits-, Bildungs- und Steuerwesen - ist in einem desolaten Zustand. Das hat Folgen für die gesamte Gesellschaft.

Wer darauf angewiesen ist, seine Kinder auf öffentliche Schulen zu schicken, wer sich keine erstklassige (und entsprechend teure) Krankenversicherung leisten kann, wer keine sicher investierte, private Geldanlage hat, wer nicht in einer Boom-Gegend, sondern in einer der vielen verrottenden alten Industriestädte lebt, dessen Zukunft sieht düster aus. Wenn der Staat ihm nicht hilft, tut es niemand.

Die Gefahr, dass die amerikanische Gesellschaft sich immer weiter in wenige Glückliche und viele Habenichtse spaltet, ist immens. Und sie steigt, je länger man damit wartet, gegenzusteuern. Obama darf nicht noch einmal wiedergewählt werden. Er kann sich also ohne Bedenken unbeliebt machen, indem er (erstens) seinen Bürgern die Wahrheit über den Zustand des Landes sagt und (zweitens) ein Wiederaufbauprogramm auflegt, das zumindest beginnt, die ärgsten Missstände zu beseitigen. Die Republikaner werden "Sozialismus!" schreien. Doch Obamas gewonnener Kampf um die Gesundheitsreform - ein erster Baustein - zeigt, dass es geht.

Die Chancen, dass Obama in seiner zweiten Amtszeit viel schafft, sind nicht groß. Das politische System der USA gibt den Republikanern viele Gelegenheiten zur Blockade und zu Querschüssen. Das vergiftete Klima in Washington dürfte dafür sorgen, dass jede dieser Gelegenheiten genutzt wird.

Allein mit gutem Zureden wird die politische Lähmung nicht zu beheben sein, mit Triumphgeheul der Demokraten schon gar nicht. Was vielleicht hilft: beharrliche Suche nach Kompromissen, der Kampf um jede republikanische Stimme, weniger professoraler Hochmut, mehr Demut vor dem politischen Gegner, der ja auch eine Wahl gewonnen hat. Vor Obama liegt ein hoher Stapel harter Bretter. Er hat vier Jahre Zeit, zu bohren.