Datenanalyse So hat Deutschland gewählt

  • Die FDP hat deutlich jüngere Menschen angesprochen als zuletzt, Union und SPD sind weiterhin unter älteren Menschen am beliebtesten.
  • Frauen und Männer unterscheiden sich im Durchschnitt eklatant in ihrer Zustimmung zu AfD und Union.
  • Selbständige haben überdurchschnittlich oft für Schwarz-Gelb gestimmt, Arbeiter wählten besonders häufig SPD und AfD.
Von Benedict Witzenberger (Grafik) und Jana Anzlinger (Text)

Männer, Arbeiter und Menschen mittleren Alters haben überdurchschnittlich oft AfD gewählt. Wer außerdem die große Koalition abgestraft und welche Gruppe hauptsächlich die FDP zurück ins Parlament geholt hat, zeigt die SZ-Datenanalyse, die das Ergebnis nach Geschlecht, Alter und Berufsgruppe der Wähler untersucht.

In den Schaubildern steht jede Linie für eine Partei. Die Analyse beinhaltet die Wahlen von 2005 (in der Grafik jeweils oben) bis 2017 (unteres Ende der Grafiken). Der Prozentanteil im jeweiligen Jahr ist von links nach rechts zu lesen.

Faktor Alter: AfD und Linke bei jungen Wählern unbeliebt

Die Union hat in allen Altersgruppen verloren, am stärksten aber bei den 30- bis 44-Jährigen. Bei den über 60-Jährigen finden sich nach wie vor überdurchschnittlich viele Merkel-Fans. Aber auch hier ist der Verlust sichtbar; vor vier Jahren hatten CDU und CSU in dieser Gruppe fast eine absolute Mehrheit. Im Wahlkampf 2017 hat die Union der Rente mit 70 eher eine halbe Absage erteilt und im Gegensatz zu den meisten Konkurrenten keine weitere Rentenreform angekündigt. Die Erst- bis Drittwähler haben vergleichsweise selten die Union gewählt. Und das, obwohl Kanzlerin Merkel sich demonstrativ um junge Menschen bemüht, die Spielemesse Gamescom eröffnet hat und sich von jugendlichen Youtubern interviewen ließ.

Die SPD ist in allen Altersgruppen auf Platz zwei gelandet - mit großem Abstand zur Union. Das trifft auch auf die Gruppe der älteren Menschen zu - zwar haben die Sozialdemokraten hier am wenigsten verloren. Aber so richtig honoriert haben die Senioren Schulz' Versprechen einer Rentenreform nicht. Der kleinste Anteil von SPD-Wählern findet sich bei den 30- bis 44-Jährigen.

Die FDP konnte ihre Wählerschaft verjüngen. In diesem Wahlkampf haben die Liberalen unter anderem auf Bildungspolitik und die Unterstützung junger Selbständiger gesetzt - zwei Themen, die der Zielgruppe zwischen 30 und 44 wichtig sind, was sich leicht im Ergebnis spiegelt. Am stärksten hat die FDP unter den Erst- bis Drittwählern hinzugewonnen.

Die Grünen schnitten, auf Altersgruppen bezogen, so ähnlich ab wie immer: Bei den über 60-Jährigen landen sie auf dem letzten Platz. Diese Gruppe, die fast ein Viertel aller Wahlberechtigten ausmacht, zieht den Durchschnitt der Grünen erheblich nach unten. In allen anderen Altersgruppen liegen sie ein bisschen über dem Gesamtergebnis.

Die AfD ist am beliebtesten bei Wählern zwischen 30 und 59 Jahren. Die 18- bis 29-Jährigen hingegen hätten sie, wären sie die einzigen Wähler, mit der Linken auf den letzten Platz der Parlamentsparteien verbannt.

Die Linke ist in dieser jungen Gruppe allerdings beliebter als 2013. Menschen mittleren Alters interessierten sich am wenigsten für die Linke. Bei den über 60-Jährigen landete die Linkspartei, die eine umfassende Rentenreform verspricht, auf dem vierten Platz.

Faktor Geschlecht: Vor allem Männer haben die AfD gewählt

Vor vier Jahren war auffällig, dass deutlich mehr Frauen als Männer die Unionsparteien wählten - und mehr Männer als Frauen einen SPD-Kanzler wollten. 2017 ist der Anteil der Unions-Stimmen unter Frauen immer noch größer als unter Männern. Martin Schulz gewählt haben ungefähr gleich viele Frauen und Männer. Möglicherweise haben die Wählerinnen die SPD dafür belohnt, dass sie das Entgelttransparenzgesetz durchgesetzt hat. Das Gesetz soll bewirken, dass Frauen fairer bezahlt werden.

Bei den Wählerinnen liegen die Grünen, genau wie 2013, auf dem dritten Platz. Die Grünen fordern eine verbindliche Frauenquote von 50 Prozent für die Führungsgremien von börsennotierten Unternehmen.

Die Linke will ebenfalls eine Frauenquote von 50 Prozent für Aufsichtsräte und Vorstände. Trotzdem liegt sie unter Wählerinnen mit AfD und FDP gleichauf auf dem letzten Platz.

Die FDP wurde, wie bei allen Wahlen seit 2005, etwas häufiger von Männern gewählt.

Würden nur Frauen wählen, wäre, genau wie in der Gruppe der jungen Wähler, die AfD nicht die drittstärkste Kraft. Der Unterschied zwischen Frauen und Männern ist, was den Anteil der AfD-Stimmen angeht, eklatant. Zwar inszenierte sich die AfD als Beschützerin von Frauen vor Übergriffen. Deutschlands Wählerinnen gefiel dies offenbar nicht. Den Equal Pay Day, der auf die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern aufmerksam macht, bezeichnet die AfD als "Propagandaaktion".

Faktor Beruf: Arbeiter nach rechts gerückt

Die Union gewählt haben vor allem Beamte und Selbständige, aber auch Angestellte. Unter Arbeitern ist die Lücke zwischen SPD und Union am geringsten. Die Sozialdemokraten, die in der vergangenen Legislaturperiode den Mindestlohn durchgesetzt haben, wurden vor allem von Arbeitern, Angestellten und Beamten gewählt und auffällig selten von Selbständigen.

Unter Selbständigen liegt die FDP auf Platz zwei - genau wie bei der vorletzten Wahl 2009. Ebenfalls so wie damals hat Schwarz-Gelb eine absolute Mehrheit in der Gruppe der Selbständigen.

Die Linke punktet, wie immer, vor allem bei Angestellten und Arbeitern. Die Partei, die den Mindestlohn deutlich anheben will, liegt bei dieser Gruppe vor FDP und Grünen. Allerdings haben weniger Arbeiter für die Linke gestimmt als 2013. Nur unter Arbeitern ist die Partei also weniger beliebt als vergangenes Mal.

An die Stelle der Linken auf den dritten Platz ist bei Arbeitern die AfD getreten. Offensichtlich hatte die Unzufriedenheit der Arbeiter einen maßgeblichen Anteil am Erfolg der Populisten.

Die Grünen sind, wie bei allen Wahlen seit 2005, unter Beamten am beliebtesten - und das, obwohl die Partei ihnen die private Krankenversicherung streichen will.

Was bedeutet das Wahlergebnis für Deutschlands Zukunft?

Bei der Bundestagswahl müssen Union und SPD Verluste hinnehmen. Die SPD geht voraussichtlich in die Opposition, die AfD wird drittstärkste Kraft. Als wahrscheinlich gilt eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen. mehr ...