CSU-Politiker Bernd Posselt Seehofers bester Mann

"Ich habe keinen Stress, ich habe nur Arbeit": Der CSU-Politiker und Europaabgeordnete Bernd Posselt.

(Foto: dpa)

Kein CSU-Politiker ist länger im Europaparlament als Bernd Posselt. Die Partei lobt sein rhetorisches Geschick und historisches Verständnis. Aber nie würde sie ihm zu großer Prominenz verhelfen. Warum nur? Eine Erkundung in München über unausgesprochene Gesetze der Politik.

Von Ulrike Nimz

"Wir leben in einer widersprüchlichen Welt", sagt Bernd Posselt und faltet die Hände über dem Bauch. Das ist ein Satz, wie man ihn von einem Mann erwartet, der seit 20 Jahren im Europaparlament sitzt. Nur dass er damit nicht die politische Lage kommentiert, sondern den Umstand, dass das Büro eines Christsozialen dieselbe Anschrift haben kann wie ein Stripklub.

Seit Neuestem residiert das "Boobs" in der Dachauer Straße 17. Im dritten Stock hat Posselt sein Büro. Es ist schwierig, ihn dort zu erwischen. Die Europawahl steht bevor, es ist Posselts fünfte. Kein CSU-Abgeordneter ist länger dabei als er. An der Wand hängen Holzkreuz und Weltkarte. Kinder haben sie gemalt, dicke Pinselstriche und Friedenstauben, ein Utopia in Komplementärfarben. "Hätt' ich mir einen röhrenden Hirsch hinhängen sollen?", fragt Posselt.

Zwei Fäuste für Europa

Die CSU hat einen neuen Wahlwerbespot zur Europawahl. Hauptdarsteller ist Parteichef Horst Seehofer - und der wird von bekannten Nebendarstellern aus bisherigen CSU-Werbefilmchen flankiert. mehr ...

Vor Kurzem hat die CSU ihr Europaprogramm vorgestellt, Posselt belegt Platz sechs der Landesliste. In der Partei heißt es, er könnte längst weiter oben stehen, wäre er ein wenig mehr auf Linie, hinge er nicht der alten Idee der "Vereinigten Staaten von Europa" nach, und, ja: Wöge er zehn Kilo weniger. Warum spielt ein Mann, dessen rhetorisches Geschick und historisches Verständnis von Parteikollegen immer wieder gelobt wird, so eine untergeordnete Rolle?

Er plakatierte nicht sich selbst. Sondern einen Stier mit Krawatte

"Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, ist morgen verwitwet", soll Otto von Habsburg einmal gesagt haben. Posselt war jahrelang Sprecher und engster Vertrauter des Kaisersohns. Jetzt sitzt er an einem Tisch mit azurblauer Wachstischdecke und nutzt die Nachwehen eines Zahnarztbesuchs, um zu erklären, dass er noch nie Aspirin genommen hat, ein triebhafter Zeitungsleser ist ("die Druckerschwärze an den Fingern") und kein Handy besitzt ("als einziger EU-Abgeordneter"). Man könnte also sagen, Bernd Posselt, 57, ist schmerzfrei und macht sich gern die Hände schmutzig.

Ein Anfang wäre das - denn medial ist dem Mann bislang kaum Aufmerksamkeit zuteil geworden. Die Süddeutsche Zeitung widmete ihm vor fünf Jahren 70 Zeilen, allerdings nur seinem Schnurrbart. Physiognomie schlägt Politik. Als Posselt vor wenigen Wochen für die Europawahl plakatieren ließ, blickte von den Laternenmasten nicht etwa der Kandidat, sondern ein Stier mit Krawatte. Mit einem äußerlichen Konservatismus habe er nie etwas anfangen können, sagt Posselt. Und wie steht es mit dem inneren?

Bernd Posselt gilt als überzeugter Föderalist. Wer ihn nach Zielen fragt, hört von einem Europa, das sich frei machen muss vom selbst verschuldeten Protektorat der Vereinigten Staaten, das sich behaupten muss gegen ein größenwahnsinniges Russland und ein boomendes China. Seit Jahren spricht Posselt sich gegen den Beitritt der Türkei aus - für ihn ein Land zwischen Griechenland und Iran, aber eben kein europäisches. "Alles hat seine Grenzen", sagt Bernd Posselt, nicht verheiratet, keine Kinder.