sueddeutsche.de: Wann sind Sie zu der Überzeugung gelangt, dass der Atomausstieg der falsche Weg ist?

Atomkraftwerk Biblis dpa Bild vergrößern

Laut BUND gab es dort 219 Störfälle seit 1999: Atomkraftwerk Biblis (© Foto: dpa)

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Clement: Ich habe das schon 2005 gesagt, da war ich noch Bundeswirtschaftsminister. Inzwischen haben zahlreiche Berichte über den Klimawandel und die Bedeutung des CO2 für die klimatische Entwicklung bestätigt, dass wir die Kernenergie weiter brauchen. Aus heutiger Sicht kann Ihnen kein Politiker, kein Unternehmer und kein Wissenschaftler sagen, wie wir in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren die Energieversorgung Deutschlands umweltverträglich sichern können. Deshalb dürfen wir keine verantwortbare Option tabuisieren.

sueddeutsche.de: Herr Clement, Sie sitzen im Aufsichtsrat der RWE Power AG. Kritiker nennen Sie einen Atom-Lobbyisten.

Clement: Darüber kann ich nur noch lachen. Glaubt irgendjemand ernsthaft, ich würde meine Meinung für Geld ändern? Ich bin Gottlob unabhängig. In den Aufsichtsrat bei RWE Power bin ich einige Zeit nach meinem Ausscheiden aus der aktiven Politik durch einstimmiges Votum von Arbeitnehmern und Arbeitgebern als neutrales Mitglied gewählt worden. Übrigens und nur der Vollständigkeit halber: Ich bin auch Mitglied im Aufsichtsrat eines sehr erfolgreichen Geothermik-Unternehmens, der Daldrup & Söhne AG.

sueddeutsche.de: Gibt es etwas, was Sie an den deutschen Atomkraftwerken und der Atomindustrie kritisieren?

Clement: Es sind sicherlich Fehler gemacht worden von der Atomindustrie, insbesondere im Umgang mit der öffentlichen und veröffentlichten Meinung. Es ist nicht für die nötige Transparenz gesorgt worden. Möglichst viele Bürger sollten ein Atomkraftwerk besuchen können oder ein Zwischenlager. Denn dort gibt es nichts zu verbergen, im Gegenteil: Es gibt eine Menge zu erklären. So schafft man Vertrauen. Das Interesse in der Bevölkerung ist da. Ich glaube, dass sich die Stimmung in Deutschland ändert. Darum rate ich der SPD, auf einen Anti-Atom-Wahlkampf zu verzichten.

sueddeutsche.de: Ihre frühere Partei braucht ein Thema, das mobilisiert.

Clement: Die SPD hätte die Reformpolitik Gerhard Schröders fortführen müssen. Vor allem in Fragen von Bildung, Ausbildung und Qualifikation. Damit erreichen Sie die Bürger - und nicht mit einer wilden, polemischen Auseinandersetzung über die Atomkraft.

sueddeutsche.de: Sie haben 2008 die SPD verlassen und fühlen sich nach wie vor sozialdemokratischen Werten verbunden. Hand aufs Herz: Tut Ihnen die SPD angesichts ihres derzeitigen Zustandes leid?

Clement: Ich sehe das schon mit erheblicher Bitterkeit. Das, was jetzt passiert, ist wahrscheinlich unvermeidlich. Ich weiß auch keinen Ausweg aus der jetzigen Situation. Frank-Walter Steinmeier schätze ich sehr.

sueddeutsche.de: Bleibt das atomare Restrisiko. Sie sagen selbst: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.

Clement: Nichts ist ohne Risiko. Wenn wir alle Risiken meiden wollen bei technischen Entwicklungen, werden wir in Deutschland nicht weiterkommen. Das gilt auch für die CCS-Technik (Carbon Dioxide Capture and Storage, CO2-Abscheidung und -Speicherung; Anm. d. Red.) bei der Kohle, für die grüne Gentechnologie oder die Stammzellenforschung. Was blockieren wir nicht alles! Sehen Sie ins europäische Ausland, aber auch nach China oder Indien - dort traut man sich was! Wir werden weltweit abgehängt auf den wichtigsten Zukunftsfeldern. Deutschland hat noch alle Chancen, aber wenn wir so weitermachen, verdüstert sich unsere Perspektive. Industriepolitisch bewegen wir uns bereits auf einer fallenden Linie.

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(sueddeutsche.de/jja))