CIA-Folter in Polen Im Wald des Schreckens

Zwischen dem 5. Dezember 2002 und dem 22. September 2003, so ist es in einem Untersuchungsbericht des Europarats nachzulesen, landeten mindestens sieben Flugzeuge in Szymany.

(Foto: REUTERS)

In dem kleinen Ort Stare Kiejkuty betrieb die CIA ein Geheimgefängnis. Dort sollen Agenten Terrorverdächtige gefoltert haben. Was vor zehn Jahren genau geschah, will nun der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte klären. Doch die polnische Regierung mauert.

Von Klaus Brill, John Goetz und Frederik Obermaier

Die Geschichte begann an einem Donnerstag im Winter. Am 5. Dezember 2002 landete um 14.56 Uhr eine Maschine vom Typ Gulfstream G-IV mit der Kennung N63MU auf dem kleinen Flugplatz Szczytno-Szymany im Nordosten Polens. Die sieben Passagiere, die von Bord gingen, stiegen in Geländewagen mit abgedunkelten Scheiben und brausten davon.

Ihr Ziel lag 22 Kilometer nördlich, links neben der Landstraße 58 in einem Wald beim Dorf Stare Kiejkuty: ein Schulungszentrum des polnischen Geheimdienstes. Bis Ende 2003 sollte es dem amerikanischen Geheimdienst CIA als Gefängnis dienen; die sieben Passagiere waren vermutlich sechs CIA-Agenten und ihr erster Gefangener. Weitere sollten bald folgen.

Die Gefangenen berichteten später, dass man sie in der idyllischen Waldlandschaft der Masuren streng verhört und gefoltert habe. Jetzt, fast zehn Jahre danach, bringen die Geschehnisse von Stare Kiejkuty die polnische Regierung und Justiz, aber auch Politiker der Opposition in eine peinliche Notlage. Sie müssen sich vorwerfen lassen, im Jahr 2002 aus blinder Bündnistreue gegenüber den USA die eigene Verfassung verletzt und auf ihrem Boden die illegale Internierung und Folterung von Gefangenen geduldet zu haben - und jetzt die Angelegenheit vertuschen zu wollen.

Geheimhaltungsstufe "Cosmic Top Secret"

Das Gelände von Stare Kiejkuty liegt ungefähr drei Fahrstunden nördlich von Warschau. Hinter dichten Nadelbäumen und mannshohen Stacheldrahtzäunen werden hier schon seit dem Kalten Krieg polnische Agenten und Soldaten ausgebildet. Sie haben ein eigenes Schwimmbad, Sportanlagen, Schießbahnen. Auch ein Pier zum nahegelegenen See ist auf Satellitenbildern zu erahnen.

Im Osten der Anlage stehen zwei große Landhäuser. Früher dienten sie als Unterkunft für hochrangige Besucher. Von Ende 2002 an logierten in dem einen Haus mehrere CIA-Agenten, in dem anderen wurden mutmaßliche Islamisten gefangen gehalten. So legen es Dokumente nahe, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen. Die "Zone B" durften offenbar selbst polnische Geheimdienstler nicht betreten. Dem "Wald", wie die Polen ihre Anlage nannten, gaben die Amerikaner den Codenamen "Quartz". Geheimhaltungsstufe "Cosmic Top Secret".

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 hatte die CIA weltweit Geheimgefängnisse eröffnet. Sie waren die Knotenpunkte eines geheimen Programms zur Verschleppung Terrorverdächtiger. Laut einem aktuellen Bericht der US-Menschenrechtsorganisation Open Society Justice Initiative haben mindestens 54 Regierungen weltweit dabei mit den Amerikanern kooperiert.

Länder wie Syrien sollen im Auftrag der CIA gefoltert haben, Deutschland gewährte demnach CIA-Flugzeugen Überflug- und Landerechte - und einige Länder erlaubten dem US-Geheimdienst sogar, auf ihrem Hoheitsgebiet Geheimgefängnisse, sogenannte Black Sites, zu unterhalten. So soll es unter anderem in Afghanistan gewesen sein, in Thailand, Rumänien und in Litauen. Als die Haftanstalt in Thailand geschlossen werden musste, suchte die CIA offenbar in Europa Ersatz - und wurde in Polen fündig.

Auf dem kleinen Flughafen landeten sonst nur Maschinen mit Touristen

Zwischen dem 5. Dezember 2002 und dem 22. September 2003, so ist es in einem Untersuchungsbericht des Europarats nachzulesen, landeten mindestens sieben Flugzeuge in Szymany. Sie trugen die Kennungen N379P und N63MU auf ihren Heckflossen und sollen insgesamt etwa acht bis zwölf Gefangene nach Stare Kiejkuty gebracht haben. Den Ermittlern des Europarats und polnischen Journalisten erzählten die Angestellten des Flughafens später, einige Stunden zuvor habe jeweils der polnische Geheimdienst oder die Grenzpolizei angerufen und die Landung angekündigt.

Wenig später fuhren Fahrzeuge mit abgedunkelten Scheiben vor, Uniformierte riegelten das Gelände ab, und ein Mann zahlte 8000 bis 12.000 Zloty (heute 2000 bis 3000 Euro) Landegebühr. Das war vier bis sechsmal so viel wie üblich für diesen kleinen Flughafen, auf dem sonst nur Maschinen mit Touristen landeten, die in der Nähe angeln oder jagen wollten. Sämtliche Angestellte, die nicht unbedingt benötigt wurden, mussten den Tower verlassen.

Kurz darauf landete in der Regel ein Flugzeug. Es rollte nicht zum Terminal, sondern blieb am Ende des Runway stehen. Die Fahrzeuge mit den abgedunkelten Scheiben rasten heran, gefesselte Männer mit verbundenen Augen und Ohrenschützern wurden verladen. Dann hob die Maschine wieder ab. Auf offiziellen Flugplänen hieß es später, sie seien in Warschau, Budapest oder Prag gelandet.