Psychischer Stress nach dem Einsatz: Die Zahl der Traumatisierten in der Afghanistantruppe steigt um 30 Prozent. Die Opposition rügt die Versorgung.
Für die Behandlung traumatisierter Soldaten ist die Bundeswehr offenbar nicht ausreichend gerüstet. Laut einem aktuellen Expertenbericht ist derzeit nur die Hälfte der insgesamt 40 Facharztstellen für Psychiatrie im Sanitätsdienst besetzt. Für 4500 Soldaten im Afghanistan-Einsatz steht demnach gerade mal ein Psychiater zur Verfügung.
Deutsche Soldaten im Lager Kundus. Die Aufnahme entstand vor wenigen Tagen (© Foto: AP)
Anzeige
Währenddessen steigt die Zahl der Soldaten, die nach der Verwicklung in Kampfhandlungen unter einer sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden.
Mehr Attacken, mehr PTBS-Fälle
Wurden 2008 in der Bundeswehr insgesamt 245 Fälle registriert, davon 226 in Afghanistan, so waren es nach Angaben der FDP-Bundestagsabgeordneten Elke Hoff im ersten Halbjahr 2009 insgesamt schon 163 Fälle, eine Steigerung um mehr als 30 Prozent. Hoff beruft sich auf Zahlen des Verteidigungsministeriums.
Je heftiger die Bundeswehr wie zurzeit im nordafghanischen Kundus von Aufständischen attackiert wird, desto schneller dürfte diese Zahl anwachsen.
Der Psychiater Mario Horst Lanczik, ein Oberstarzt der Reserve, hat im Sommer dieses Jahres in Masar-i-Scharif, dem Hauptquartier der Bundeswehr in Afghanistan, Soldaten mit PTBS untersucht.
In seinem Mitte September fertiggestellten Bericht beschreibt Lanczik eine Reihe von Defiziten bei der Betreuung von PTBS-Kranken, darunter die Vielzahl unbesetzter Stellen und die Anwesenheit von nur einem Psychiater in Afghanistan.
Bekannte Ausmaße
"Wissenschaftliche Untersuchungen zur Prävention, Behandlung und Verlauf von psychischen Erkrankungen nach Kampfhandlungen bei deutschen Soldaten liegen nicht in ausreichendem Maße vor", schreibt Lanczik. Ein im Juni 2008 erlassenes "Forschungskonzept psychische Gesundheit" komme zu spät, um kurz- oder mittelfristig wirksam sein zu können.
Dabei wissen Experten seit langem um die Ausmaße von PTBS. Nach Erkenntnissen amerikanischer und israelischer Militärpsychiater weisen bis zu 30 Prozent von Soldaten, die an Kampfhandlungen beteiligt waren, psychische Erkrankungen und Störungen auf. "Bei deutschen Soldaten ist mit vergleichbaren Raten zu rechnen", schreibt Lanczik.
Alle von ihm untersuchten Soldaten hätten berichtet, dass sie auf die seelischen Folgebelastungen durch Tod und Verwundung von Kameraden bei Kampfeinsätzen nicht ausreichend vorbereitet würden.
Bei der Behandlung von psychischen Störungen bleibe es weitgehend dem einzelnen Soldaten überlassen, die verschiedenen Maßnahmen von Ärzten, Psychologen und Militärseelsorgern abzustimmen. Bei Psychiatern und Psychotherapeuten in zivilen Einrichtungen stießen die Soldaten häufig auf "Stigmatisierung" und "Unverständnis für ihren Soldatenberuf".
Der Prävention und Behandlung psychischer Belastungsreaktionen werde bei der Bundeswehr "eine sehr hohe Bedeutung beigemessen", schrieb der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Thomas Kossendey, im Juni an den Verteidigungsausschuss.
Das sieht die FDP-Abgeordnete Elke Hoff ganz anders: "Die Bundesregierung hat bisher versäumt, die psychische Betreuung und Behandlung der Soldaten zu verbessern", sagte Hoff der Süddeutschen Zeitung.
Die offenen Dienstposten in der Psychiatrie müssten schnellstmöglich besetzt werden. "Erst hat die Bundesregierung die Relevanz von PTBS verkannt, nun verweigert sie sich der Umsetzung des Auftrages, den das Parlament ihr über alle Parteigrenzen hinweg erteilt hat", betonte Hoff.
- Thema
- Afghanistan RSS
- Luftangriff in Afghanistan Schwere Vorwürfe gegen Oberst Klein 19.09.2009
- Afghanistan Bundeswehrsoldat bei Angriff schwer verletzt 16.09.2009
- Afghanistan-Einsatz Das Ende der Illusionen 12.09.2009
- Afghanistan-Einsatz Obama denkt über Strategiewechsel nach 22.09.2009
- Politik kompakt RAF-Mitglied Hogefeld bleibt in Haft 18.05.2010
- Afghanistan Flugzeugabsturz im Hindukusch 17.05.2010
- Politik kompakt Längere Atomlaufzeiten - am Bundesrat vorbei 15.05.2010
(SZ vom 24.9.2009/jab)
Schuldenkrise in Griechenland
Lohnzettel auf Facebook
Parteispender 2010
Putin, der "Alpha-Rüde"
Politiker und ihre Pannen
Und meine Behauptung ist "mindestens" so realistisch wie Ihre.
Wenn ich daran zurückdenke, wie die deutsche Öffentlichkeit auf die Bilder aus dem von den Taliban "regierten" reagiert hat, war die Entscheidung sich in Afghanistan zu engagieren eine Entscheidung, die hauptsächlich aus Mitleid gefällt wurde. Ich weiß nicht ob Sie sich an die Bilder erinnern. Glauben Sie ernsthaft daran das die Taliban den Kindern in Afghanistan den "Zugang zu qualifizierter psychologischer Betreuung" verschafft hätten.
Ich würde eher sagen wir können aufhören wenn jedes afghanische Kind Zugang zu sauberem Wasser und einer ordentlichen Bildungseinrichtung hat. Das dies nicht die Aufgabe der Bundeswehr sein kann ist eigentlich selbstverständlich und ein oft zitiertes Argument der Militärs warum es in Afghanistan nicht voran geht. Die Soldaten vor Ort bauen dennoch Brunnen und Schulen. Das die notwendigen Rahmenbedingungen nicht geschaffen werden das diese auch von allen Kinder (auch Mädchen) genutzt werden können, ist aber schwerlich den Soldaten anzulasten.
Die Politik hat es bis heute nicht geschafft genug Polizisten auszubilden und in der korruptionsgeschüttelten Regierung aufzuräumen. Deshalb sterben immer noch Afghanen und die dort eingesetzten Soldaten.
Wie ich schon erwähnte, kenne ich etliche Soldaten die schon im Einsatz waren. Alle sind dorthin gegangen um den Afghanen zu helfen. Das Afghanistan immer noch ein Kriegsgebiet ist, haben die Soldaten nicht zu vertreten. Das Sie jemanden, der sich entschieden hat sein Land, notfalls mit Waffengewalt zu verteidigen. Kein Mitleid entgegenbringen können, müssen Sie vor sich selbst rechtfertigen. Mit dem selben Recht könnten Sie auch die amerikanische Soldaten die für die Befreiung Europas gefallen sind so behandeln.
Aber ich muss Ihnen sagen ich habe keine Lust mehr weiter zu diskutieren, da ich versucht habe klarzumachen das Soldaten keine Unmenschen sind und Mitleid verdient haben und das in mehreren Postings und sehr ausführlich. Anworten Sie immer mit den selben Plattitüden und Vermutungen.
ZITAT: Wenn wir ein bisschen weniger "Mitleid" mit den Afghanen hätten und bisschen weniger "helfen" würden, wäre etliche von Ihnen noch am Leben.
Wie können Sie sowas behaupten?
Dann behaupte ich doch einfach. Wenn wir nicht geholfen hätten wären heute alle Afghanen von den Taliban versklavt die Mädchen unterdrückt, die Frauen beim kleinsten Anlass gesteinigt und die Männer wären Terroristen.
"Denn der Mangel an Mitleid in unserer Gesellschaft ist mittlerweile schon etwas Beängstigendes. "
Wenn wir ein bisschen weniger "Mitleid" mit den Afghanen hätten und bisschen weniger "helfen" würden, wäre etliche von Ihnen noch am Leben.
Was soll denn diese komische Unterscheidung. Wer sich freiwillig bei der Bundeswehr als Berufssoldat verpflichtet, geht natürlich auch freiwillig in den Krieg. Kein Mensch hat ihn ja schliesslich gezwungen einen Job zu wählen, der unvermeidlich auch im Töten von anderen Menschen besteht.
Ich bleibe dabei, erst wenn alle traumatisierten Kinder Afghnistans Zugang zu qualifizierter psychologischer Betreuung haben, dann kann man anfangen, sich über die Psyche von irgendwelchen Soldaten den Kopf zu zerbrechen
Ich glaube auch das hier ein wenig übertrieben wird. Ich habe gestern noch ein Interview mit dem Psychologen gehört. Der hat sich dahingehend geäußert das es nur bei besondern Ereignissen (Attentate, Unfälle...) zu einer verstärken "Nachfrage" für Betreuung kommt.
Das stellt sich ja im Zivilleben genauso dar. Wenn Unglücke oder Verbrechen geschehen sind, werden die Betroffenen (Helfer, Opfer) auch psychologisch betreut.
Auch eine Vorauswahl wird getroffen, was die psychische Stabilität der Soldaten angeht. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Vorfälle bezüglich simulierter Entführungen und Foltern in einer Bundeswehr Grundausbildung. Das Problem war damals das dies in einer Grundausbildung statfand und die Ausbilder hmm sagen wir ein "wenig" über das Ziel hinausgeschossen sind.In einer Grundausbildungin der auch wehrpflichtige Soldaten beteiligt sind die niemals in den Einsatz gehen, hat so eine Ausbildung nichts verloren. Solche Ausbildungen in einer weniger extremen Form gibt es, allerdings eben nur für Soldaten die in den Einsatz gehen.
Allerdings gibt es eben Situationen auf die man einen Menschen nicht vorbereiten kann ohne Gefahr zu laufen ihn schon vorher zu traumatisieren. Deshalb muss eben eine Gratwanderung versucht werden, um nicht schon die Soldaten vor dem Einsatz zum Psychologen schicken zu müssen.
Da mangelt es offensichtlich am Auswahlsystem der Bewerber. Für diesen Job ( Soldat im Kampfeinsatz ) braucht es Leute, denen u.a. bewußt ist, dass am Ende eines soldatischen Arbeitstages töten oder der eigene Tod als Bilanz steht. Will heißen: Schon bei den Bewerbern ist darauf zu achten, dass diese Leute nicht nur physisch sondern auch psychisch von ausgesuchter und bester Konstitution sind . Ansonsten hört das Gejammere um posttraumatische Belastungssyndrome ect. nie auf und die Bundeswehr müsste dann irgendwann hinter jeden Soldaten in Kampfgebieten einen Therapeuten stellen.
Paging