Bürgerkrieg in Syrien Erdogan droht mit Militäraktion auf syrischem Gebiet

Der türkische Regierungschef Erdogan erwägt einen Angriff auf Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Grenzregion Syriens. Dort hat die Separatistengruppe offenbar unbehelligt vom Staat eine Basis für ihre Operationen aufgebaut. Die Türkei hat guten Grund, die PKK zu fürchten.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Die Türkei droht Syriens Präsident Baschar al-Assad mit einer Militäraktion in den Kurdengebieten. Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sagte, er erwäge einen Militäreinsatz gegen Kämpfer der verbotenen "Arbeiterpartei Kurdistans" PKK im Nordosten Syriens; PKK- Kämpfer sind in den vergangen Monaten tatsächlich in großer Zahl über die türkische Grenze in die syrischen Kurdengebiete gekommen und nehmen die Rolle einer Ordnungsmacht unter den syrischen Kurden ein.

Erdogans Pläne könnten sich schnell zu einem militärischen Konflikt zwischen Syrien und dem Nachbarland Türkei führen, der sich im schlimmsten Fall zu einem Regionalkrieg entwickeln würde. In Syrien selbst gingen die Kämpfe zwischen Armee und Aufständischen weiter. Besonders umkämpft war die Wirtschaftsmetropole Aleppo.

Kampf gegen PKK eine "Selbstverständlichkeit"

Erdogan sagte im türkischen Fernsehen, Assad habe den an die Türkei grenzenden Norden des Landes PKK-Kämpfern "anvertraut". Ankara habe das Recht, gegen die Rebellen vorzugehen. Dies sei eine "Selbstverständlichkeit" und Teil der Verteidigungsstrategie der Türkei. Die PKK, die auch von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft wird, kämpft seit 1984 gegen den Zentralstaat Ankaras.

Die Türkei hat Grund, die PKK in Syrien zu fürchten. De facto stellt die mit dem Assad-Regime seit Jahrzehnten verbündete Separatistengruppe in der syrischen Kurdenregion derzeit die Staatsmacht dar; sie kann sich dort eine Basis für Operationen im türkischen Kurdengebiet schaffen. Dies hatten syrisch-kurdische Flüchtlinge im angrenzenden Irak der SZ bereits vor zwei Monaten bestätigt: Die PKK nehme Personen fest und übe Gerichtsbarkeit aus. Die syrische Armee und der Staat hätten sich weitgehend zurück gezogen.

Für die PKK ist Nordost-Syrien als Basis naheliegend. Sie hat in den angrenzenden Bergen des Nordirak - die zur autonomen irakischen Kurdenregion gehören - bereits ein Rückzugsgebiet. Dort hatten Kurden nach dem Irakkrieg 2003 eine Art Quasi-Staat gebildet. Im Nordirak ist die Türkei in den vergangenen Jahren immer wieder mit Luftwaffe und Bodentruppen gegen die PKK vorgegangen; die türkische Armee unterhält dort in Absprache mit der Regierung in Bagdad und in Übereinkunft mit der irakisch-kurdischen Führung in Erbil sogar einen Stützpunkt.

Syriens Kurden haben sich der Rebellion gegen Assad bisher nur in Teilen angeschlossen. Sie fürchten, als Minderheit in einem islamisch-sunnitisch geprägten Nach-Assad-Staat ebenso marginalisiert zu werden wie unter dem derzeitigen Regime. So wird vielen Kurden im Assad-Staat die Staatsbürgerschaft verweigert. Die kurdische Gesellschaft ist gespalten in PKK-treue und PKK-kritische Gruppen, die sich gegenseitig bekämpfen. Die PKK- Kritiker haben sich dem Aufstand gegen Assad angeschlossen.

Schwere Kämpfe in Damaskus und Aleppo

In Syrien selbst gingen die Kämpfe weiter. In der Hauptstadt Damaskus wurde es nach der zu Beginn der Woche begonnenen Gegenoffensive der Armee ruhiger. Geschossen wurde Agenturberichten zufolge aber im Süden der Stadt. Dort seien am Morgen die Granaten im Minutentakt eingeschlagen, berichteten Anwohner. Am Himmel kreisten Hubschrauber.

In der Wirtschaftsmetropole Aleppo setzte die Armee Rebellenberichten zufolge Hubschrauber und Raketen ein. Der örtliche Aktivist Mohammed Said berichtete der Nachrichtenagentur AP, dass der Beschuss wahllos erscheine. Mit dem Bombardement aus der Luft soll offenbar der Angriff von Bodentruppen vorbereitet werden. Ein großer Panzerverband rücke auf Aleppo vor, hieß es. Die Aufständischen erklärten, sie kontrollierten inzwischen die halbe Stadt. Das Staatsfernsehen berichtete, die Armee stelle in und um Aleppo Sicherheit und Ordnung her.

Die Kämpfe in Aleppo könnten einen Flüchtlingsstrom in Richtung der nahen türkischen Grenze auslösen. Ankara hat seine Grenzübergänge für den Warenverkehr bereits geschlossen. Flüchtlinge dürfen aber ins Land. Bei dem seit 16 Monaten anhaltenden Aufstand sind Schätzungen zufolge mindestens 18 000 Menschen getötet worden. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte die Staatengemeinschaft auf, das Gemetzel in Syrien zu stoppen. "Schiebt es nicht länger auf! Schließt Euch zusammen! Handelt!", appellierte er.