Braune Wurzeln des BND Streng vertraulich

Der Bundesnachrichtendienst des Reinhard Gehlen war in der Frühzeit ein Einfallstor für Nazis, die eine neue Identität brauchten. Nun lässt der BND die NS-Vergangenheit früherer Agenten erforschen.

Von Hans Leyendecker

Als nach dem Krieg die deutschen Sicherheitsapparate neu besetzt wurden, waren die alten Kameraden sofort wieder zur Stelle: Die NS-Täter, die Mittäter und die Mitläufer funktionierten einfach weiter. Mit unterschiedlicher Intensität haben in den vergangenen Jahren diverse Behörden, so auch das Auswärtige Amt, Forschung in eigener Sache betrieben.

Jetzt soll auch die dunkle Gründungsgeschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND) aufgehellt werden. Bis Ende November soll sich unter Leitung des Marburger Geschichtswissenschaftlers Wolfgang Krieger eine Historikerkommission konstituieren, die in den kommenden vier Jahren die Geburtsgeschichte des deutschen Auslandsnachrichtendienstes dokumentieren wird.

Zur Unterstützung hat der BND im September eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet. Sie soll etwa helfen, die vielen vertraulich gestempelten Akten zugänglich zu machen, Dokumente im Ausland besorgen und auch den Historikern Zugang zu Zeitzeugen verschaffen. Ein erster Versuch, die Geschichte des Nachrichtendienstes systematisch aufarbeiten zu lassen, war vor zwei Jahren gescheitert. Es hatte Geld gefehlt und wichtige Akten sollten oder konnten damals nicht freigegeben werden.

Für die zeitgeschichtliche Forschung sind die Akten des BND eine Rarität, denn die Archive des Dienstes sind normalerweise für Außenstehende nicht zugänglich. Krieger, der zahlreiche Bücher und Aufsätze über das geheime Gewerbe geschrieben und auch den "Arbeitskreis Geschichte der Nachrichtendienste" mitgegründet hat, ist, gilt als Fachmann.

Der BND hat eine andere Geschichte als die anderen deutschen Sicherheitsbehörden. Der erst 1956 durch einen Kabinettsbeschluss gegründete Dienst ist ein Balg des Kalten Krieges gewesen und die Amme waren die Amerikaner. Im April 1945 hatte sich der Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost im Oberkommando des Heeres, Reinhard Gehlen, mit seinem Stab in amerikanische Gefangenschaft begeben. Spezialität der Truppe waren "Feindlageberichte" über die Kampfkraft der Roten Armee.

Solche Experten waren hochwillkommen. Bereits 1946 wurde Gehlen von der US-Armee autorisiert, seine frühere Dienststelle unter dem Decknamen "Operation Rusty" wiederzubeleben.

Die nach ihm benannte "Organisation Gehlen" durfte falsche Papiere ausstellen und seine "Dienststelle 114" war das Einfallstor für Nazis, die eine neue Identität brauchten. In welchem Ausmaß die ehemaligen Kader, die vom Reichssicherheitshauptamt, der Gestapo, der Feldgendarmerie und der Militärpolizei kamen, erst Unterschlupf in der Organisation Gehlen und dann beim BND fanden, ist nicht genau bekannt.

Kriterium: Hauptsache Antikommunisten

Die Einstellungen erfolgten meist mit Duldung der neu geschaffenen CIA; deren Kriterium: Hauptsache Antikommunisten. Einmal hat Gehlen in den sechziger Jahren, ausgelöst durch den Spionagefall des ehemaligen Obersturmführers und Doppelagenten Heinz Felfe, von einer internen "Organisationseinheit 85", kurz "85" genannt, ermitteln lassen, welche Ehemaligen wegen Verstrickung in Verbrechen eigentlich untragbar waren. Von 146 überprüften Mitarbeitern mussten 71 gehen. Der Bericht der "85" wurde sofort wieder eingezogen und kam in den Panzerschrank.

In diesem Jahr hat BND-Präsident Ernst Uhrlau die Akten der "85" nun über das Bundesarchiv öffentlich zugänglich gemacht. Für die Aufarbeitung seiner Geschichte kann der BND noch viel Material liefern.