Attentate Die IS-Fahne als Dekor

Erst Nizza, dann Würzburg - woher kommt die Entgrenzung des Hasses bei einzelnen jungen Männern? Es gilt zu verhindern, dass sie sich mit ihren schrecklichen Taten gegenseitig inspirieren.

Kommentar von Heribert Prantl

Das Sichere ist nicht sicher. Dieser Satz ist nicht tröstlich, aber er ist wahr und er galt auch schon in der Zeit, als es den IS-Terror noch nicht gab; aber seitdem es diesen Terror gibt, hat man das Gefühl, dass die Unsicherheit epidemisch ist. Die IS-Terroristen steigern dieses Gefühl dadurch, dass sie auf jede Wahnsinnstat, die ein Muslim begeht, ihre Briefmarke kleben. Es gehört zum Kalkül des IS, noch mehr Verbrechen, als er ohnehin begeht, für sich zu reklamieren und auch auf diese Weise Panik zu erzeugen. Wer sich davon anstecken lässt, macht Terroristen zu Machthabern.

Noch kennt man die Hintergründe des Axt-Attentats nicht gewiss: Das Sichere ist eben nicht sicher. Der Nahverkehrszug ist nicht sicher. Die Promenade am Mittelmeer ist es nicht. Und um zu wissen, dass auch die Schule kein sicherer Ort ist, muss man nicht in die USA schauen. Am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt erschoss 2002 ein ehemaliger Schüler erst 16 Menschen und dann sich selbst. An der Albertville-Realschule in Winnenden tötete 2009 ein 17-Jähriger 15 Schüler, Lehrer und Passanten und dann sich selbst. Diese Täter waren keine Flüchtlinge aus Afghanistan; es waren junge Menschen, die womöglich vor sich selbst geflohen waren.

Der Attentäter, der nun im Regionalzug auf Mitreisende einhackte, war 17, er war so alt wie der Amokläufer von Winnenden. Er war ein Flüchtling aus Afghanistan, noch fast Kind, als er mutterseelenallein in Deutschland ankam; man hätte ihm eigentlich eine gute Prognose gestellt: betreut im Kolpinghaus, in der Pflegefamilie, eine Lehrstelle in Aussicht. Es wäre nun furchtbar, wenn man des Attentäters wegen sich um die jungen Flüchtlinge nicht mehr, so gut es nur geht, kümmerte. Eine Gesellschaft, die sie verloren gibt, hat schon verloren.

Das Internet als Maschinerie der Nachahmungsprovokation

Womöglich sind der Attentäter von Nizza und der Attentäter im Regionalzug eher verwandt mit dem Piloten der Germanwings-Maschine und dem Amokläufer von Winnenden als mit den IS-Terroristen. Womöglich sind IS-Fahne und IS-Video beim Axt-Attentäter auch eine Art Dekor, um den Schrecken noch schrecklicher zu machen. Woher kommt die Entgrenzung des Hasses bei einzelnen jungen Männern? Es könnte sein, dass beim Axt-Attentäter das Attentat von Nizza ein Auslöser war. Experten sagen, dass man weder den Namen des Täters nennen, noch sein Bild zeigen dürfe, weil das Nachahmer locke. Nachahmung verhindern: Vielleicht ist das der richtige Ansatz. Das Internet ist eine Nachahmer-Provokationsmaschinerie; und es ist zugleich eine Hysterie-Maschinerie.

Hysterie zeigt sich im Shitstorm gegen die Grünen-Abgeordnete Renate Künast: Sie hatte gefragt, weshalb die Polizei den Attentäter getötet habe, statt ihn angriffsunfähig zu schießen. Die Frage nach der Notwehrsituation auf der Flucht des Täters ist berechtigt. Eine Politikerin muss das fragen dürfen, ohne dass ein Polizeisprecher sie als parlamentarische Klugscheißerin beschimpft. Es gibt keine Todesstrafe in Deutschland - auch nicht gegen einen, der als IS-Sympathisant auftritt.

Vom netten Jungen zum wütenden Attentäter

Ruhig, offen, sympathisch - so schildern Bekannte den Täter von Würzburg. Viel spricht dafür, dass er sich im Stillen radikalisiert hat. Die Behörden rätseln, wie sie mit dieser Art des Terrors umgehen sollen. Von Katja Auer, Nürnberg, Olaf Przybilla, Würzburg, Ronen Steinke und Wolfgang Wittl mehr ...