Atomwaffen Wie groß die Gefahr durch "schmutzige Bomben" ist

Was tun nach der Explosion einer "schmutzigen Bombe"? Notfallübung in der Nähe von Madrid 2010

(Foto: REUTERS)

Könnten Terroristen an radioaktives Material kommen? Und was fangen sie damit an? Der Nukleargipfel in Washington diskutiert die Bedrohung durch Atomwaffen.

Von Markus C. Schulte von Drach

Atomwaffen haben seit der Zerstörung der japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki 1945 durch die USA nur noch zur Abschreckung gedient. Das liegt an den Konsequenzen, die ihr Einsatz hätte. Ein Erstschlag gegen eine andere Atommacht würde zur eigenen Vernichtung führen. Und ein nuklearer Angriff auf Staaten ohne Atomwaffen würde jedes Land zum Paria in der internationalen Staatengemeinschaft machen.

Selbst Länder wie Iran, dem unter anderem die USA vorwerfen, an der Bombe gearbeitet zu haben, oder Nordkorea, das immer wieder mit dem Einsatz von Atomwaffen droht, geht es vor allem darum, mögliche militärische Gegner abzuschrecken.

Bei religiösen und anderen Fanatikern, steht zu befürchten, ist das anders. Eine Waffe in den Händen von Extremisten - die Vorstellung ängstigte bereits Robert Oppenheimer. Drei oder vier Menschen wären in der Lage, New York zu zerstören, wenn sie eine solche Waffe in die Stadt schmuggeln könnten, warnte er bald nach der Entwicklung der Atombombe.

Die Vorstellung, eine US-Großstadt auf einen Schlag zerstören zu können, dürfte Osama bin Laden gefallen haben. Auch beim selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi im IS ist das gut vorstellbar. Die Drohung mit einer IS-Atomwaffe könnte die militärischen Interventionen seiner Gegner ausbremsen. Außerdem ist die religiöse Ideologie der Fundamentalisten stark von der Vorstellung eines apokalyptischen Endes der Welt geprägt.

Neben der Sorge, Terroristen könnten eine Atombombe in die Hände bekommen, wird befürchtet, dass sie sogenannte "schmutzige Bomben" selbst bauen. Darüber hinaus könnten Terroristen Anschläge auf Kernkraftwerke verüben und so eine atomare Katastrophe auslösen.

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Alle diese Sorgen haben den US-Präsidenten dazu bewegt, erneut zum Nukleargipfel einzuladen. Es ist der vierte solche Gipfel seit 2010. Barack Obama hält Anschläge mit nuklearen Waffen für die größte gegenwärtige Gefahr für die Sicherheit der USA. Allerdings müssten die Terroristen eine solche Waffe erst bekommen. Der aktuelle Gipfel, an dem mehr als 50 Staaten teilnehmen, hat unter anderem das Ziel, dies zu verhindern.

Warum derzeit die Hauptsorge den "schmutzigen Bomben" und möglicher Sabotage in Atomanlagen gilt, zeigt ein Blick auf die Möglichkeiten, die es für Terroristen gibt.

Die Gefahr durch "schmutzige Bomben"

Bei einer "schmutzigen Bombe" handelt es sich um einen konventionellen Sprengkörper etwa aus TNT oder einer Mischung aus Heizöl und Kunstdünger, der mit radioaktivem Material versehen wird.

Eine solche Waffe führt nicht zu einer Kettenreaktion, die einer Atombombe ihre ungeheure Sprengkraft gibt. Vielmehr wird das radioaktive Material in der Umgebung verbreitet, um die Opfer zu verstrahlen. Verwendet werden kann für eine "schmutzige Bombe" etwa Cäsium, Kobalt oder Strontium, deren Isotope besonders radioaktiv sind.

Eine solche Bombe ist nicht nur sehr viel einfacher herzustellen. Das radioaktive Material dafür gibt es in Zehntausenden Anlagen weltweit, etwa in Krankenhäusern, Forschungszentren und Industrieanlagen. Und hier, so warnt die Washingtoner Nuclear Threat Initiative (NTI) in einer aktuellen Studie, gibt es große Sicherheitslücken. Viele dieser Anlagen seien schlecht gesichert und anfällig für Diebstähle, sagte der Geschäftsführer der NTI, Ex-Senator Sam Nunn, bei der Vorstellung des Berichts.

Außerdem finden allein in Europa jedes Jahr Tausende Transporte radioaktiver Substanzen statt. Ein Überfall auf einen solchen Transport wäre erheblich leichter als der Diebstahl aus einer Anlage.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat seit den 90er Jahren etwa 2800 Fälle von verschwundenem radioaktivem Material gezählt, mit dem, Generaldirektor Yukiya Amano zufolge, einige wenige schmutzige Bomben hätten gebaut werden können.

Die möglichen Folgen einer "schmutzigen Bombe" etwa mit pulverförmigem Cäsium 137 wären - neben den Opfern der Explosion selbst - eine Evakuierung des betroffenen Gebiets und möglicherweise einige Hundert zusätzliche Fälle von Krebs. Matthew Bunn vom Belfer Center betrachtet diese Waffen deshalb eher als "Massenstörungswaffen", und nicht als "Massenvernichtungswaffen".

Die Gefahr, dass Terroristen an Material für eine Atombombe oder eine "schmutzige Bombe" kommen, ist in den vergangenen Jahren etwas geringer geworden. Seit den Gipfeltreffen in den USA wurden vielerorts die Sicherheitsmaßnahmen für die Lagerung der gefährlichen Stoffe erhöht. Mit mehr als 300 Detektoren wird versucht, den Schmuggel an Grenzen, Flughäfen und Häfen zu verhindern.

Die Gefahr von Sabotage oder von Anschlägen auf Atomkraftwerke

Seit den Anschlägen von Paris und Brüssel sorgen sich Experten allerdings besonders um die Sicherheit von Atomkraftwerken. So hatten die Attentäter von Brüssel angeblich zuerst überlegt, eine solche Anlage zu attackieren, bevor sie sich entschlossen, am Flughafen und in der U-Bahn zuzuschlagen. Außerdem hatte die belgische Polizei im November bei einer Razzia ein Video entdeckt, das belegt, dass die Brüsseler Selbstmordattentäter Ibrahim und Khalil El Bakroui vor ihren Anschlägen einen wichtigen Mitarbeiter des belgischen Nuklearforschungszentrums SKN-CEN überwacht hatten. Wozu, ist unbekannt. Das Zentrum produziert strahlendes Material, das für eine "schmutzige Bombe" geeignet wäre.

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Dem Experten Matthew Bunn zufolge hatte auch al-Qaida in der Vergangenheit schon an Angriffe auf amerikanische Nuklearanlagen gedacht - diese aber aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen wieder verworfen. Alle diese Fälle zeigen, wie wichtig es ist, Atomanlagen zu überwachen.

Eine besondere Gefahr geht allerdings von Mitarbeitern von Kernkraftwerken aus, die solche Anlagen sabotieren könnten. 2014 etwa wurde eine Turbine des belgischen Atommeilers Doel4 durch Sabotage beschädigt. Bei der Suche nach dem Täter stellte sich heraus, dass dort ein fundamentaler Islamist gearbeitet hatte, der nach Syrien gegangen war, um dort zu kämpfen. Mit der Sabotage hatte er zwar nichts zu tun. Immerhin hatte er aber alle Sicherheitsüberprüfungen der Behörden hinter sich gebracht. Solche Fälle zeigen, dass von radikalisierten Insidern eine große Gefahr ausgehen kann.

Ein weiteres, relativ junges Risiko besteht in sogenannten Cyber-Attacken auf die Computeranlagen von Kernkraftwerken.