Atom-Lobbyist zur schwarz-gelben Kehrtwende in der Atompolitik "Stilllegen ist möglich"

Die Bundesregierung setzt die Laufzeitverlängerung für deutsche AKW aus - und plötzlich zeigt sich auch die Atomlobby gesprächsbereit. Atomforum-Präsident Ralf Güldner hält jetzt das Aus für Altreaktoren für möglich.

Interview: Markus Balser

Als Cheflobbyist und Präsident des Deutschen Atomforums vertritt Ralf Güldner die deutsche Kernenergiebranche. Der Spitzenmanager des Eon-Konzerns gilt als Sprachrohr der Kernkraftbetreiber RWE, Eon, Vattenfall und EnBW. Nach der Katastrophe in Japan hält er das Aus alter Meiler für möglich und räumt ein: "Auch wir sind in Sorge."

SZ: Die drohende Atomkatastrophe in Japan hat in Deutschland die Debatte über die Zukunft der Kernenergie neu entfacht. Wird es eng für die Branche?

Ralf Güldner: Die Debatte ist nachvollziehbar. Dass in einem Industrieland wie Japan mit höchsten Sicherheitsstandards Dinge passieren, die eine Kontrolle von Atomkraftwerken schwierig machen, ist auch für uns besorgniserregend. Die Bilder der Explosionen, Kollegen, die Probleme haben, die Situation im Kraftwerk unter Kontrolle zu bringen: Auch wir sehen das mit großer Besorgnis.

SZ: Das Atomunglück zwingt die Politik zum Umdenken. Die Bundesregierung setzt die Laufzeitverlängerung für drei Monate aus. Bedeutet dies das endgültige Aus für ältere Meiler wie Biblis A, Krümmel oder Brunsbüttel?

Güldner: Wir werden jetzt Anlage für Anlage im Sinne der Risikobeherrschung prüfen müssen, welche Konsequenzen zu ziehen sind. Im Einzelfall kann das bedeuten, dass es Einfluss auf den Betrieb hat. Auch das Stilllegen einzelner Anlagen kann derzeit nicht ausgeschlossen werden. Aber wir dürfen jetzt auch nicht überstürzt das gesamte Energiekonzept der Regierung in Frage stellen. Die Atomkraft bleibt auch in Zukunft wichtig für die Energieversorgung in Deutschland.

SZ: Der Unfall zeigt, dass wir eine Technik nutzen, die sich in Extremsituationen nicht beherrschen lässt. Kann er das Ende des Atomzeitalters einläuten?

Güldner: Nein, die Situation in Japan ist ein einmaliges Ereignis. Da kamen zwei Naturkatastrophen zusammen. Ein Jahrhundertbeben und der Tsunami. Daraufhin brach die gesamte Infrastruktur zusammen. Eine solche Verkettung ist in Deutschland nicht vorstellbar. Möglicherweise müssen aber Auslegungswerte gegen Ereignisse wie Erdbeben oder Überflutung überprüft werden.

SZ: Die Situation in Japan spitzt sich zu. Wie bewertet der Krisenstab der Branche die Lage in Fukushima? Droht dem Land eine nukleare Katastrophe?

Güldner: Nach allem, was wir darüber erfahren, ist die Situation sehr schwierig. Der Kern des Reaktors 1 war zeitweise nicht mehr vollständig von Wasser bedeckt, die Brennstäbe überhitzten. Bei Temperaturen von 1000 Grad kommt es zu Schäden an den Brennstäben, die zur Freisetzung von radioaktiven Stoffen im inneren Kern führen. Von einer Kernschmelze ist man dann aber noch weit entfernt. Es gibt Hinweise, dass es gelingt, den größten Teil des radioaktiven Inventars in der Anlage zu halten. So sind die Mitarbeiter vor Ort zwar erhöhten Strahlenbelastungen ausgesetzt. Aber sie können weiter reagieren. Eine Katastrophe wie in Tschernobyl halte ich derzeit auch deshalb für nicht wahrscheinlich.

SZ: Erhöhte Strahlenbelastung, tagelanger Einsatz ohne Pause - und das im Katastrophengebiet. Wie lange halten das die Ingenieure und Techniker eines solchen Kraftwerks durch?

Güldner: Das ist schwer zu sagen. Die Belastung für die Kollegen vor Ort könnte jedenfalls nicht größer sein. Sie müssen in einer völlig zerstörten Infrastruktur unter extremen Bedingungen retten, was zu retten ist. Sie sind seit dem Ereignis am Freitag sicher pausenlos im Einsatz. Ich hoffe sehr, dass es die Möglichkeit gibt, die Kollegen auszutauschen. Denn irgendwann sind menschliche Kräfte einfach erschöpft.

SZ: Deutschland ist kein Erdbebengebiet. Aber nach Meinung von Experten reicht der Schutz vor Terroranschlägen nicht aus. Dem Absturz eines Verkehrsflugzeugs wäre kein Meiler gewappnet.

Güldner: Wir müssen uns jetzt natürlich fragen, was wir für Deutschland lernen können. Wir sind da in der Bewertung. Terroranschläge, wie wir sie in den vergangenen Jahren erlebt haben, konnten noch nicht bei der Auslegung unserer Kraftwerke berücksichtigt werden. Zu den Zeiten, als sie gebaut wurden, ging man im schlimmsten Fall vom Absturz einer Militärmaschine aus. Gegen die sind wir geschützt. Die Sicherheitsmechanismen erlauben aber, die Anlagen auch bei einem Terroranschlag kontrolliert abzufangen. Auch gegen Anschläge mit Verkehrsflugzeugen gibt es Sicherungen. Die im Detail zu erläutern, käme allerdings einer Einladung zum Anschlag gleich. Außerdem sind Atomkraftwerke klein und ohnehin schwer zu treffen.

SZ: Die Kanzlerin hat dennoch eine Überprüfung angekündigt. Wo sehen sie selbst Verbesserungsbedarf?

Güldner: Das Sicherheitsniveau wird mit der Laufzeitverlängerung ohnehin angehoben. Die Erkenntnisse aus Japan werden einfließen. Wir werden sicher die Kühlwasserkreisläufe und die Notstromversorgung verbessern und Sicherheitsmechanismen an unterschiedlichen Stellen auf dem Gelände aufbauen, sodass ein Brand verschiedene Versorgungsstränge nicht gleichzeitig treffen kann.

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